Das fängt ja gut an – 283

Heute hat Arno Schmidt Geburtstag (18.01.1914)!

Am 19.01.2014 schrieb ich:

„Acht Uhr: die hoch geschätzte Frankfurter Sonntagszeitung an der Tanke geholt. Mit der kostbaren Beute wieder daheim: mit dem Morgenkaffee wird die Zeitung erst sortiert und dann – nein heute ist nicht zuerst das „Leben“ dran: ich blättere das Feuilleton auf – Seite für Seite… Am Ende der Rubrik angekommen keimt Entsetzen auf: kein Beitrag über Arno Schmidt, der gestern 100 Jahre alt geworden wäre!

Ich blättere zurück durchs Feuilleton – da, ganz am rechten Seitenrand ein 1-Spalter zu Arno Schmidt – hatte ich übersehen. Es ist eine Art „Arno-Schmidt-Glosse“. Gar nicht mal schlecht….

Aber ehrlich: das reicht ja wirklich nicht!!

Dabei hätte es zusätzlich zum 100sten an sich auch noch weiteren feuilletonistischen Anlass gegeben:

  1. – Ein Band Briefe ist gerade erschienen;
  2. – Die englische Übersetzung von „Zettels Traum“ ist erschienen!

Zum letzteren Punkt der Übersetzung habe ich mich gefragt: „Welcher Wahnsinnige hat sein Leben dafür geopfert?“ Der wird bestimmt als Held in die Literaturgeschichte eingehen.

Da hilft es auch wenig, dass die ZEIT das Jubiläum völlig vergessen hat…

Da habe ich mich dann mit der NZZ vom 18.1.2014 getröstet: Schweizer halten die deutsche Hochkultur aufrecht – na bravo!“

Für uns (Jahrgänge 1945/46) war Arno Schmidt in den 1960er Jahren ein Kult-Autor. Nachbar-Jahrgang meines Vaters – aber ein Mann der sprach+schrieb – nicht schwieg, wie unsere Väter!) Da war Zettels Traum noch nicht erschienen (in den ich dann mit einem Freund gemeinsam „investiert“ habe).  Die wundervollen kleinen Romane („Seenlandschaft mit Pocahontas“, „Das steinerne Herz“) haben wir uns Sonntagmorgens im Bett vorgelesen!

Sätze wie: „S’is Ostwind – man hört’n Hodenhagener Zug.“ (Keine Gewähr für Schreibweise und Interpunktion…) sind heute noch bei uns „geflügelte Worte“.

Das essayistische Werk zur Literatur (meist als Hörfunk-Nachtprogramm im NDR entstanden – entsprechend szenisch-dialogisch aufgebaut) hat mir unersetzliche Einblicke in die Literaturgeschichte gegeben.

Die Herausgabe der „Heidnischen Alterthümer“ (bei 2001!) hat uns Schriften zugänglich gemacht, von denen wir noch nie vorher etwas gehört hatten – ein ganz tolles Beispiel ist die dreibändige Saga „100 Jahre“ von Oppermann.

Ich denke heute noch immer oft in Liebe an diesen Mann des Wortes und Geistes.

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, 18. Januar 2018

Das fängt ja gut an – 296

In eigener Sache!
Warum ich den täglichen Blog „Das fängt ja gut an …“ schreibe.

Die Pointe vorweg: Ich schreibe diesen täglichen Blog hauptsächlich für meine drei Söhne. Warum? Dazu mehr weiter unten im Text.

Ich bin seit 2016 im (95-prozentigen) sogenannten Ruhestand. Auf das Arbeitsleben konnte ich mit 71 Jahren nach einem langen Workaholic-Dasein problemlos verzichten. Mir fehlt da nichts – auch nicht die „Aufmerksamkeit“, die ich aufgrund der Tatsache erfuhr, dass man in Vorgänge eingebunden war, in denen viele andere mich brauchten.

Man hat das häufig gelesen oder gehört: dass die plötzliche totale Funkstille, die eintrat, nachdem man die Grenze zur Arbeitswelt und beruflichen Verantwortung hinter sich gelassen hatte, Menschen total geschockt hat. Die hatten Schwierigkeiten, mit der Erkenntnis fertig zu werden, dass die rege Kommunikation, die gegenseitige Fokussierung und Ansprache nicht ihrer eigentlichen Person galt, sondern der Funktion und Aufgabe, die sie in dieser Arbeits-Welt verkörperten.

Was hatten sie erwartet, nachdem sie aus dem Spiel ausgeschieden waren, in dem eine große Gruppe von Menschen ihren Lebensunterhalt damit verdienen, dass sie alle zusammen einen oder mehrere Bälle ständig in der Luft halten? Dass die alle dem ausgeschiedenen immer mal wieder einen Bonus-Ball zuspielen, um ihm zu sagen: „Du fehlst uns.“?

Dieses Problem der wegbrechenden Wichtigkeit und des einknickenden Selbstbewusstseins hatte ich überhaupt nicht. Die „Funkstille“ aus dieser Welt, die ich gerade verlassen hatte, hatte ich nicht nur erwartet sondern geradezu ersehnt. Das Arbeitsleben ist zu Ende – aber nicht das Geistesleben. Da gibt es noch so vieles, was ständig auf einen großen „Stapel“ wandern und warten musste, dass ich nun endlich in Wissenschaft, Philosophie, Geschichte und Literatur erkunden will. Andere reisen nun viel – ich reise intensiv im Geist durch Zeit und Welt. Wenn ich aber dann auch noch tatsächlich reise, wird das geistige Spiel noch stärker angeregt.

Bei meinen „geistigen Reisen“ finde ich ständig neue – oder alte – interessante Ausblicke, die ich dann gerne mitteilen möchte. Ich wäre hoch erfreut, wenn sich dadurch im Laufe der Zeit ein Diskurs auch mit Freunden oder zum Thema interessierten für mich neuen Menschen entstünde. Deshalb spreche ich hier öffentlich.

Es gibt bei dem „Projekt täglicher Blog“ (zunächst für ein Jahr) auch eine starke egozentrische Komponente:

Ich wollte gerne wissen, ob ich dazu in der Lage bin.

Das ist ja kein Tagebuch – sondern ich versuche hier täglich einen Text aus mir heraus in die Welt zu stellen, der auch das Licht der Öffentlichkeit nicht scheuen muss! Tag-für-Tag! 7 Tage in der Woche! 365 Tage hintereinander!

Das hielt und halte ich für schwierig. Das ist es auch wirklich! Allerdings bis auf einen „Stolperer“ *) bisher leichter als gedacht. Anders ausgedrückt: es läuft fast so gut, wie ich gehofft hatte. Aber wenn ich dabei scheitere, dann scheitere ich öffentlich.

Das Haupt-Motiv für meine Blog-Tätigkeit habe ich aber zu Anfang bereits verraten: es soll darin ein Archiv meines Denkens und meiner Sichtweise auf die Welt zu meiner Zeit entstehen – für meine Söhne. Dass mir dies so wichtig ist, hat unter anderem einen Grund in der jüngeren Zeitgeschichte:

Ich bin eine Nachkriegskind – Jahrgang 1945.

In meiner Erinnerung an die Kindheit und Jugend, gab es nur zwei Sorten von Männern, die ja fast alle im Krieg gewesen waren:

  • jene, die ständig von ihren Kriegserlebnissen „im Felde“ erzählten – allerdings nie über ihr Inneres,
  • jene, die schwiegen – das war die weit überwiegende Mehrzahl und mein Vater gehörte dazu.

Man hat das im Laufe der Zeit von allen Seiten gehört: überall diese schweigenden Väter. Wir erfuhren in unserer Jugend nichts von ihnen, was sie genau traumatisierte hatte, wie sie zum 3. Reich gestanden hatten, wie sie den Krieg erleben, was sie heute darüber dachten. Nichts!

Ich bin froh, dass mir mein Vater wenigstens als ich 12 – 16 war vermittelt hat, welche HALTUNG er in unser gemeinsamen Gegenwart hatte, weltanschaulich, politisch, beruflich. Darüber bin ich heute noch froh – und es war sehr positiv für mich.

Aber die Vergangenheit und seine Erlebnisse lagen in einem Sarg aus Schweigen! Und dann starb mein Vater als ich 22 Jahre alt war. Das bedeutete, dass ich ihn später nicht mehr fragen konnte, was ich ganz sicher getan hätte.

Aus dieser Situation heraus weiß ich, was einem fehlt, wenn man die Welt aus der Sicht seiner Eltern nicht wirklich kennt. Ich möchte verhindern, dass es meinen Söhnen genauso geht.

Das ist mein wesentlichster Grund für diesen Blog.

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 4. Januar 2018

 

Das fängt ja gut an – 285

Wohnungspolitik ist die nachhaltigste Form der Sozialpolitik

In der Sozialpolitik geht es zu großen Teilen im Prinzip darum, das „verfügbare Einkommen“ der unteren Einkommensschichten anzuheben.

Dabei wird meistens auf (Mindest-)Löhne und Abzüge (Steuern) oder Kindergeld und Aufstockungsbeträge geschaut.

Das hat sehr oft allerdings seine Tücken: so mußten wir erleben, dass die Einführung oder Erhöhung eines Mindestlohnes im Nicht-Tarifbereich dadurch unterwandert wird, dass die Menschen de facto einfach länger arbeiten müssen, oder dass dies als Aufforderung mißverstanden wurde, ein vorher bereits höheres Lohn-Niveau auf das Mindestlohn-Niveau abzusenken.

Einen kurzfristig nennenswerten Effekt wie jetzt das geplante Rückkehren zur Parität bei den Sozialabgaben bringt kurzfristig etwas – ist aber als Steigerung nur ein Einmaleffekt.

In der Wirtschaft ist es eine gängige Methode, wenn man Kosten analysiert, diese in der Rangfolge der größten Kostenblöcke zu betrachten. Schließlich ist es sinnlos auf Deibel komm raus noch mehr Energie zu sparen – wenn die nur 3% der Kosten ausmacht – die Materialkosten aber 55% …

Und diese Analyse der Lebenskosten eines Menschen in den unteren 25-33% der (normalen) Einkommen ergibt meistens: die Warm-Miete übersteigt heute in Ballungsgebieten sehr häufig schon 50% des verfügbaren Einkommens! Dabei besteht das zusätzliche Problem, dass es einfach überhaupt zu wenig menschenfreundlichen Wohnraum in der fraglichen Preisklasse gibt – und zwar dort, wo er gebraucht wird!

Dieses Szenarium spielt sich ja nicht nur in armutsnahem Einkommensbereichen ab – das betrifft heute bereits große Bereiche des unteren Mittelstandes – vor allem bei jüngeren Menschen, die gerade Familien gründen wollen. Da entsteht ein unauflöslicher Stau von Bedürfnissen: Vorsorge für das Alter, familienfreundliche Wohnverhältnisse – ja: und auch ein bisschen Leben jetzt.

Die nachhaltigste Möglichkeit, etwas für die Lebensqualität der betroffenen Bevölkerungsschichten zu bewegen ist: massives Schaffen von günstigem Wohnraum dort, wo er benötigt wird! Nach meiner Einschätzung braucht man dafür auch keinen speziellen Paragraphen in irgendeinem Sondierungspapier: das ist ein Punkt, in dem sich Konsens bei den möglichen Koalitionspartnern einer zukünftigen Regierung wahrscheinlich jederzeit erreichen läßt – zumindest zwischen SPD und CSU! Der jetzt dafür vorgesehene Posten im Sondierungspapier ist allerdings völlig unzureichend!

Hier ist bereits ein massiver Nachholbedarf entstanden. In Berlin ist seit der Wiedervereinigung die absolute Zahl der Sozialwohnungen auf ein Drittel zusammengeschrumpft – trotz steigender Bevölkerung und steigenden Bedarfes. Das Heikle ist zudem, dass die Situation durch die Unterbringung der Flüchtlinge sich in den letzten zwei Jahren noch dramatisch verschärft hat – und die tatsächlich vorhandene Bautätigkeit in diesen Zeitraum auch überwiegend in das hochwertige Bausegment gegangen ist.

Ich empfehle dringend, hier einen Plan zu schmieden und auch sehr stringent umzusetzen, um binnen 3 Jahren mindestens eine Million bezahlbarer Wohnungen aus dem Boden zu stampfen – und zwar ohne Rücksicht auf die Interessen CDU-naher Investorenkreise. Es handelt sich bei Wohnen um den sensibelsten Bereich sozialer Bedürfnisse!

Grund und Boden und Baurecht sind typische Staats-nahe Bereiche, die leicht zu regulieren wären, wenn man wollte. Man könnte auch, wenn man wollte regulierend eingreifen, um zu verhindern, dass über die Grunderwerbsteuer die Höhe der Investitionen sich immer weiter hochschaukelt – noch ehe überhaupt gebaut wird!

Ich habe absolut kein Verständnis für das Schulterzucken der Politik in dieser Sache: für Wohlfühl-Aktionen der aktuellen Rentnergeneration (zu der ich selbst gehöre) werden vielfach höhere Beträge mobilisiert. Es sind auch keine Ausgaben-Blöcke, die zukünftige Generationen belasten – im Gegenteil!

Ich kenne keine Möglichkeit, mit der das verfügbare Einkommen und Lebensqualität der unteren Einkommensbereiche stärker und nachhaltiger vergrößert werden kann als durch ausreichend verfügbaren guten Wohnraum mit günstiger Miete.

Packt das endlich beherzt an!

Aphorismus des Tages: „Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genauso töten wie mit einer Axt.“ (Heinrich Zille, 1858 -1929)

 

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 16. Januar 2018

Das fängt ja gut an – 286

Die SPD schafft sich ab … oder erfindet sich neu!

Was erleben wir da? Werden wir es nach dem Parteitag der SPD am 21.01.18 wissen? Oder ist dies ein allgemein gültiger Prozess, der nach und nach alle politischen Gruppierungen erfassen wird? Werden die Parteien „von unten“ umgekrempelt? Entsteht ein neues Bild der „politischen Partizipation“ jenseits der Politikverdrossenheit? Ist das die Götterdämmerung der Parteienlandschaft?

Ich nehme sonst nicht so gerne Stellung zu tagespolitischen Ereignissen – jedenfalls nicht zeitnah. Nach meinen Erfahrungen kann man schon mal abwarten, bis die ersten drei Säue durchs Dorf getrieben wurden… Ich sehe hier aber die sehr spannende Situation, dass eine (ehemalige?) Volkspartei sich vor den Augen Aller in ihre Einzelteile zerlegt – sich sozusagen selbst tranchiert. Ich kann mich nicht erinnern, so etwas in 45 Jahren sehr interessierter Verfolgung von Politik schon erlebt zu haben…

Die sichere Erkenntnis aus den Ereignissen in und um die SPD seit dem Vorliegen des GroKo-Sondierungspapieres am 12.1. ist heute für mich:  Es gibt derzeit keine einzige wirklich „führende“ Autorität in der SPD – der Kaiser Schulz steht völlig ohne Kleider da – d.h. ohne Basis. Es ist sehr ungewöhnlich, dass ein Verhandlungsergebnis von den Verhandlern für gerade noch akzeptabel betrachtet wird – dann der Vorstand der Partei es einstimmig annimmt – unabhängige Beobachter das Gesamtergebnis als respektabel kommentieren – und danach ein Shit-Storm in der Partei ausbricht. Man kann das, was da passiert nicht anders bezeichnen! Noch so ätzende Kritik von den JUSOS wäre ja völlig normal – aber was hier passiert ist wie Jahrhundert-Sturmflut an der Küste – und der Deichgraf ist nicht zu Hause!

Schulz hat sich mal wieder als völlig unsensibel gegenüber seiner eigenen parteiinternen Situation gezeigt: als er am 12.1. übernächtigt vor die Presse trat, sagte er, es sei ein HERVORRAGENDES Ergebnis. Er wusste was er alles nicht erreicht hatte – er wusste aber auch, dass man mit 20,5% nicht 100% seiner Vorstellungen durchbringt. Diese Diskrepanz hätte er ausbalancierend in seinem Statement zum Ausdruck bringen müssen. Mir scheint, jetzt bekommt er die Quittung.

Vielleicht war er dem immensen Druck einer 24h+-Verhandlung nicht wirklich gewachsen? … was an sich kein Makel wäre – wenn man hinterher nicht öffentlich unangemessene Statements abgibt. Angela Merkel aber weiß, dass sie in Marathon-Verhandlungen meistens ein ausgezeichnetes Durchsteh-Vermögen hat – sie hat es auch hier einmal wieder geschafft!

Und was tut die SPD jetzt? Erst  einmal passiert etwas, was geradezu selbstzerstörerisch wirkt: jeder von jeder Organisations-Ebene der Partei macht seinem Unmut öffentlich und sogar for laufenden Kameras Luft – und der Vorstand ruft nicht geschlossen zur Mäßigung auf. Ganz offensichtlich vertraut die Basis-Struktur ihren eigenen Partei-Granden nicht mehr – und ein wirklicher Kapitän ist nicht auf der Brücke. Der rennt jetzt durch die Mannschaftsquartiere und versucht die überall aufflackernden Aufstände einzudämmen.

Merkwürdigerweise fallen mir nur „medizinische“ Vergleiche ein: Immunreaktion: stößt die Partei das Organ ab, das Gabriel ihr vor einem Jahr eingepflanzt hat? Szene im OP: der Patient wacht auf und sagt zum Chirurgen: „Ach, ich will das neue Herz lieber doch nicht!“ Chirurg: „Das alte Herz ist aber schon raus!?“ Patient: „Ach egal, lassen sie es!“

Ich habe den Eindruck, dass sich der Unmut gegen das „Weiter so in der GroKo“ eigentlich gegen das „immer-weiter-so-in-der-SPD-Führung“ richtet. Die müssen jetzt möglicherweise diese Partei zerlegen, bis dann einer sich findet, der den richtigen Ton trifft und die parteiinterne Solidarität wieder herstellt.

SPD-Vorsitzender zu sein, war noch nie ein Traumjob, wie Müntefering behauptet hat: das ist etwas für sehr leidensfähige Menschen, die eine Mission haben. Martin Schulz kennt die Mission eigentlich auch – aber er kann ihr nicht vorstehen!

Also doch Neuwahlen? Die eine Legislatur-Periode mit Kanzlerin Weidel und der CSU als Juniorpartner (schließt bei der AfD die linke Flanke!) werden wir überstehen! (Äh – ja – Satire!)

Die Amerikaner werden ja voraussichtlich auch Trump überstehen.

Aphorismus des Tages: „In Zeiten politischer Krisen ist es für einen ehrenhaften Menschen nicht am schwersten, seine Pflicht zu tun, sondern sie überhaupt zu kennen.“ (Louis Gabriel Ambrosia Vicomte de Bonald, 1754 – 1840)

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 15. Januar 2018

 

Das fängt ja gut an – 287

Die „Fürther Toleranz“ – Solidarität über Religions-Schranken hinweg!

Die unten folgende Geschichte trage ich seit 25 Jahren mit mir herum. Sie tauchte in meinen Gedanken heute wieder auf, als ich mit meinem ältesten Sohn im Messenger über das Problem der Intoleranz in Teilen unserer Bevölkerung diskutierte. Er erinnerte dabei das historische Beispiel für eine Toleranz über Religionsgrenzen hinweg: die Heidelberger Heiliggeist-Kirche wurde von 1698 – 1936 von beiden christlichen Konfessionen simultan benutzt – allerdings mit einer Trennmauer zwischen Langhaus und Chor.

Dies ist, wenn man in die Geschichtsbücher sieht, allerdings in der Entstehung weniger ein Beispiel lokaler bürgerlicher Toleranz, sondern vielmehr eine Folge der „Pfälzischen Kirchenteilung“ 1698 („Simultanum“). Diese war eine Folge eines Dynastie-Wechsels, als plötzlich ein katholischer Kurfürst über die protestantische Kurpfalz herrschte. Aber immerhin verteidigten die Heidelberger Bürger 1719/20 diese gemeinsame Nutzung ihrer Stadtkirche gegen den Kurfürsten Karl Philipp (mit Unterstützung Preußens!), der sie zur katholischen Hauptkirche umwandeln wollte. Darüber war der Kurfürst (angeblich) so erbost, dass er die Residenz von Heidelberg nach Mannheim verlegte (vielleicht hat er aber auch nur einen Grund dafür gesucht…?).

Aus Anlass dieser Geschichte fiel mir jene (historisch gesicherte!) Geschichte über Toleranz aus der Stadt Fürth in Bayern wieder ein, die wohl nicht oft genug erzählt werden kann:

Fürth galt schon seit 1499 in Bayern – wenn nicht sogar in ganz Deutschland! – als Inbegriff einer konfessionell toleranten Stadt. Nach der vollständigen Vertreibung der Juden aus der benachbarten Reichsstadt Nürnberg, siedelte der Markgraf von Ansbach diese gezielt in Fürth an – und legte damit den Grundstein für die äußerst erfolgreiche Entwicklung Fürths im Wettbewerb zu Nürnberg!

Diese Entwicklung setzte sich dann später konsequent fort, sodaß die Juden in Fürth sich an die Spitze der Emanzipation von jüdischen Bürgern in Bayern im 19. Jh. setzen konnten. (Fürth trägt heute den inoffiziellen Beinamen „Fränkisches Jerusalem“ – eine zum Ehrentitel abgewandelte Bezeichnung nach der judenfeindlichen Fürth-Verspottung „Bayerisches Jerusalem“ aus dem 19. Jh – Quelle: FürthWiki).

Zwischen den großen evangelischen und jüdischen Gemeinden mit vielen wohlhabenden Bürgern, gab es in Fürth auch nach der Reformation noch eine kleine katholische Gemeinde, die aber seit der Reformation keine eigene Kirche besaß.

Ausgelöst durch die Provokation eines angesehenen Bürgers (Haus-Taufe seiner Tochter durch einen Nürnberger Priester in Fürth!) riefen 1820 die Vorsteher der protestantischen und jüdischen Gemeinden zu einer Spendenaktion der Fürther Bürger auf, die sehr erfolgreich war und schließlich den Erzbischof von Bamberg dazu provozierte, eine breite Spendenaktion  zu starten. Die Bayerische Regierung spendete einen Baugrund in Randlage der Stadt (Königstraße 126 – heute zentral) und die Kirche wurde von 1824-29 gebaut. Die jüdische Gemeinde spendete abschließend noch extra für den Lebensunterhalt des katholischen Priesters.

Ein weiteres Beispiel der bürgerlichen Solidarität am gleiche Platz aber mit weltlichem Anlass ergab die große Spende der jüdischen Gemeindemitglieder, die etwa die Hälfte der Baukosten für ein 1902 eröffnetes großartiges Theater in Fürth ergab.

Mir ist leider nicht bekannt, dass diese frühe bürgerliche Solidarität den Fürther Juden im Dritten Reich zum Vorteil gereicht hätte…

Aphorismus des Tages: „Toleranz ist gut, aber nicht gegenüber den Intoleranten.“ (Wilhelm Busch, 1832 – 1908)

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 14. Januar 2018

Das fängt ja gut an – 288

Die SOZEN verteidigen die „christlichen Werte“…

… eine Berliner Realsatire!

Es ist Freitagabend. Vor gut 12 Stunden – es war unter dem trüben Himmel von Berlin noch gar nicht richtig hell geworden – hörte ich ein homeresches Gelächter weit  über die Hauptstadt schallen. Ich fragte: „Wer bist Du?“ Die Quelle des Gelächters  dröhnte lachend: „Der Weltgeist! – Und wenn Du wissen willst, warum ich lache, dann schau in das Sondierungspapier, das gerade von den GroKo-Sondierungspartnern vorgelegt wurde!“

Das Lachen verlor sich langsam hinter den Sanddünen Brandenburgs und ich machte mich daran, den Live-Ticker der Sondierungsverhandlung zu studieren.

Nach und nach kamen Kompromiss-Ergebnisse in den Medien zu Tage (allerdings in einen Tag hinein, an dem es in der Hauptstadt den ganzen Tag nicht mehr richtig hell werden sollte. Lag das an der Politischen Lage? Wir werden es nie erfahren!)

Das Statement der kommissarischen Kanzlerin beunruhigte mich doch sehr: sie sprach von einem „Nehmen und Geben“! Da wird man fragen müssen, wem gegeben und wem genommen werden soll. Die nächsten Informationen bestätigten meine Sorge: oft ist das Erhalten des Staus Quo schon ein „Sieg“, keine weitere Verschlechterung wird als Verbesserung verkauft! Reicht das?!

Auf die Information, die mich am meisten interessiert und ALLE JUNGEN LEUTE – verdammt noch mal! –  am meisten interessieren sollte, musste ich in den Medien bis zum späten Abend warten: was ist zu EUROPA verabredet? War da was?… Inzwischen konnte ich das Papier selbst einsehen (Phönix.de): zu meinem größten Erstaunen ist Europa das Kapitel 1 gewidmet – drei volle Seiten (von 26 Text-Seiten). Das ist ein gutes Signal!

Wäre das keine wichtige Information gewesen? Liebe Medien, wenn Ihr Euch weiter so wenig für dieses Europa interessiert, versündigt Ihr Euch an der Zukunft! Das ist kein „Projekt Europa“, das man mal eben stumm schalten kann, wenn es gerade nicht passt: schaut mal auf Eure Kfz-Kennzeichen! Das Hoheits-Zeichen neben dem D ist kein „Projekt-Titel“! Ihr seid schon Europa und werdet mit ihm aufsteigen oder untergehen!

Aber alles das, kann es nicht gewesen sein worüber der Weltgeist so homerisch gelacht hat. Dies sind halt die Mühen der Ebene, durch die so ein armer Politiker durch muss: wir sind reich – aber wenig sexy …

Plötzlich vor ca. vier Stunden wurde es mir klar: das Flüchtlings-Thema ist es – ein Thema in dem alles aufeinander trifft: Internationales Recht und Verpflichtungen, Humanität, Europäische Solidarität, Finanzen, Innere Sicherheit, Fremden-Angst, das Integrations-Thema – und sehr-sehr viel Populismus.

Folgendes stellt die TATSÄCHLICHE Kompromiss-Lage dar:

Erstens: die CSU will den realen Flüchtlings-Strom nach Deutschland begrenzen – eine HARTE „Obergrenze“ wäre aber verfassungswidrig und würde allen möglichen internationalen Vertragsverpflichtungen widersprechen. Die CSU hat das ihrer Klientel versprochen. Also kommt eine Zahl in die Vereinbarung hinein, die etwa der Intention der CSU entspricht – mit irgendeinem unverbindlichen Titel für diese Größe, der allerdings nicht „Obergrenze“ lautet. Es bleibt aber Tatsache: wenn es eine weitaus größere Menge von „echten oder zunächst glaubhaften“ Flüchtlingen gelingen würde nach Deutschland zu kommen, müßte diese wesentlich größere Zahl zunächst aufgenommen werden – und jeder Asyl-Antrag müßte geprüft werden. Das gleiche gilt für den Familien-Nachzug, dessen Aussetzung de-facto bereits durch Gerichtsurteil relativiert wurde! Die CSU verschweigt die Fakten wohlweislich und im vertrauen darauf, dass ihre Klientel in einer gut abgedichteten Blase sitzt  – und weist auf ihren Erfolg hin. Die CDU steht daneben und blickt in den trüben Berliner Himmel als ob sie das nichts anginge.

Zweitens: die SPD möchte, dass wir uns zur Humanität und der Verpflichtung, Flüchtlinge aufzunehmen aus sehr wichtigen Gründen, die in der deutschen Vergangenheit liegen, klar bekennen, und wehrt sich daher gegen den Begriff Obergrenze und gegen eine „harte“ Zahl. Der CDU-CSU-Arbeitstitel „atmender Deckel“ für dieses „Projekt“ ist allerdings inzwischen der Lächerlichkeit anheim gefallen. Nun also die „vereinbarte Spanne“ von 180.000 – 220.000 (mit einer sachlichen Begründung) … dabei wird mehrfach betont, dass das Recht auf Asyl nicht angetastet wird. Es wird eine Kommission zur „Integrationsfähigkeit“ eingesetzt. Wir sind alle mal gespannt, ob es der SPD auch gelingen wird, die Absurdität des Wort-Spiegel-Gefechtes zu vermitteln!

Vollends absurd wird diese Situation, wenn man sich mal wieder den Hintergrund der Kontrahenten klar macht:

Hier jene politischen Kräfte, die den Namen jenes barmherzigen Gottes und Messias, im Namen der Partei führen, der kurz nach seiner Geburt als Mensch nur überlebte, weil er Asyl in einem fremden Land fand … jedenfalls ist das Bestandteil ihres eigenen Glaubens-Narrativs! Sie schüren jene Angst im Volke, die den humanistischen Gedanken denunziert. Damit machen sich diese streng christlichen politischen Kreise indirekt zu Komplizen aller, auch der islamischen, religiösen Fanatiker.

Auf der anderen Seite jene Bewegung, die seit über 150 Jahren als „gottlose Sozen“ bekannt und verschrien sind, was sagen soll, dass sie in der Mehrheit ungläubig seien und daher natürlich keine Moral besitzen. Und diese drängen dahin, dass die Gesetze der Humanität gegenüber Flüchtlingen im Rahmen unserer Verfassung Beachtung finden sollen!

Lieber Weltgeist, ich erkenne hier auch die Realsatire – aber das Lachen ist mir dann im Halse stecken geblieben!

Herbert Börger

Copyright Der Brandenburger Tor, Berlin, 13. Januar 2018

Das fängt ja gut an – 297

Betrachten wir den BER-Flughafenbau doch zur Abwechslung mal „kaufmännisch“!

Kurze Vorbemerkung: ich bin zwar Physiker und Ingenieur, durfte aber längere Zeit als Unternehmer Erfahrungen sammeln, was denn so ein Unternehmen „im Inneren zusammen hält“ – es ist das Controlling. Dabei ist der ewige Streit, ob denn Finanzen, Marketing, F&E oder Produktion das Wichtigste in einem Unternehmen sind völlig müßig: sie sind alle mehr oder weniger gleich wichtig – aber das Ganze funktioniert nur zusammen, wenn ein Controlling, das diesen Namen verdient, alle diese Bereiche gleichzeitig auf Augenhöhe durchzieht: d.h. alle Bereiche unterwerfen sich diesem gemeinsamen Kontrollinstrument. Das Controlling kann zwar nicht die Richtung des Unternehmens vorgeben, aber dafür sorgen, dass das Unternehmen die vorgegebene Richtung einhält und dabei „in der Spur“ bleibt!

Woran kann man feststellen, dass es dieses Controlling in einem Unternehmen gibt?

Wenn Sie die verschiedenen Bereiche sozusagen von allen Seiten durchleuchten, dürfen keine Widersprüche auftreten – das aber funktioniert nur, wenn alle auf einer durchgängigen Controlling-Schiene sitzen, auf der alle Informationen nicht nur vorhanden sind sondern auch „stimmen“.

Will der Aufsichtsrat effektiv kontrollieren können, muss er eine solche Form des Controlling installieren – dann braucht er später nur zwei Leute laufend zu befragen:

Den Produktverantwortlichen, der berichten muss ob Produkteigenschaften und Anforderungen übereinstimmen;

den Controller, der aufgrund seiner Instrumente alle Kosten und Termine präzise überblickt.

Ein solches Controlling hat es nach allem Anschein im Projekt „Neubau BER“ innerhalb des Unternehmens FBB von Anfang an nie gegeben – und gibt es nach allem Anschein auch heute noch nicht.

Zur Vergangenheit: auf den Eröffnungstermin 3. Juni 2012 hin ist die Unternehmensleitung jahrelang vorangeschritten – und hat um den 10. Mai herum plötzlich die Eröffnung abgesagt… mit 6 Jahren Verspätung hinter diesem Termin … nur bis heute – 10 Jahre wenn man es realistisch betrachtet.

Damals kann es also kein wirksames Controlling gegeben haben.

Danach wurden die Termine immer schneller vorausverlegt – die Technik-Chefs gewechselt – dazwischen immer mal die Vorsitzenden der Geschäftsführung gefeuert… Die Informationen nach außen waren in der gesamten Zeit immer ähnlich: die meisten Teile des Flughafens sind zu 80 – 95% fertig; wir brauchen nur noch ein paar Monate.

Und dann plötzlich war ein Teil der Anlage wieder bei 0%, musste überhaupt erst einmal neu geplant und dann noch gebaut werden – in einer bereits existierenden Gebäude-Hülle, bei deren Bau man von der Anlage in dieser Form nichts wußte.

Allem Anschein nach hat es auch bis zum Anfang 2017 kein wirksames Controlling am BER gegeben. Ob das heute anders ist, wage ich aufgrund der Informationen, die uns Bürgern sehr blauäugig durchgereicht werden, sehr zu bezweifeln:

  1. Baufertigstellung, Abnahme, Genehmigung und Inbetriebnahme waren bis Dezember 2017 nicht mit der Genehmigungsbehörde (Landkreis Dahme-Spreewald) abgestimmt. Alleine diese Information sagt aus: es gibt kein Controlling, das den Namen verdient!
  2. Derzeit wird das gesamte Unternehmen FBB GmbH (incl. der beiden laufenden Flughäfen) ohne gültigen Wirtschaftsplan geführt. Der Aufsichtsrat bzw. die Gesellschafter stehen im vollen finanziellen Risiko – und das möglicherweise ohne funktionierendes Controlling beim Neubau: das ist abenteuerlich!
  3. Der Vorsitzende der Geschäftsleitung hat uns Bürger nebenbei kurz informiert, dass voraussichtlich zusätzlich 1 Mrd. Euro benötigt werden, bis der BER starten kann – wußte aber noch nicht woher das Geld kommen soll. Nur wir Bürger wissen alle jetzt schon, dass WIR dafür haften werden … Ohne Kenntnis des (auch zeitlich) verfügbaren Budgets gibt es kein wirksames Controlling.
  4. Neben der Planung für die Fertigstellung des BER hat die Geschäftsführung  so eben mal nebenbei eine Planung für die Erweiterung des BER auf bis zu 66 Mio Passagiere p.a. vorgelegt – und wusste auch schon, dass das 2,5 Mrd EUR kosten würde und dass man das nicht selbst durchführen wolle sondern „fremd“ in eine „Gesamtverantwortung“ vergeben wolle … Wenn es nicht so ernst wäre …!
  5. Ab Mitte November 2017 wurde der Technik-Chef des FBB von den Aufgaben beim neuen Fluggast-Terminal entbunden – das macht jetzt Prof. Daldrup nebenbei mit. Nur vom Controlling wird nie gesprochen?

Unter allen diesen Aspekten kann ich auch heute keine substanzielle Verbesserung in der Führung des Neubauprojektes BER erkennen. Aus meiner Sicht ist zu befürchten, dass das Ganze immer weiter im Chaos versinken wird. Termin und Kosten „open-end“.

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 3. Januar 2018

Das fängt ja gut an – 299

Zeit für einen Rückblick!

Nein: ich blicke nicht auf das gestern vergangene Jahr zurück! Das wäre nun wirklich albern … Ich halte Sie alle für geistig völlig präsent: das wissen Sie doch selbst alles noch, was im abgelaufenen Jahr geschah – und wenn nicht, dann wäre es doch deprimierend, wenn ich Sie jetzt damit konfrontieren würde. Wir wollen lieber nach vorne schauen – ab morgen!

Mein Rückblick geht einige Jahre weiter zurück. Ich habe erst geschwankt zwischen 6 oder 7 Jahren. 7-Jahres-Intervalle (also 6,5 … 7,5 Jahre) waren in meinem eigenen Berufsleben durchgängig bedeutende Einschnitte. Dann habe ich mich aber doch für 6 Jahre entschieden weil ich 72 Jahre alt bin und Zahlenspiele liebe.

Mein Alter ist also 72 = 6 x 12. Man kann das sprachlich unterschiedlich ausdrücken und dabei fällt mir auf, was für ein Dickicht von Assoziationen Sprache sein kann… Sage ich: „ich bin 6 Dutzend Jahre alt“ so ist das schlimmste was assoziativ passieren kann, dass sich jemand 6 Kartons mit je 12 Eiern vorstellt.

Sage ich aber: „ich bin 12 mal 6 Jahre alt“ dann klingt das irgendwie merkwürdig: zwölf mal versucht – aber immer bei 6 Jahren hängen geblieben? Nun ja, ich glaube das ist genau, was meine Frau denkt …

Der Jahreswechsel 2011/2012 war medienseitig beherrscht durch mehrere „Persönlichkeiten“, sagen wir mal für alle vier zutreffend: „schillernde Persönlichkeiten“ – aber auf ganz unterschiedliche Weise.

Die erste Presönlichkeit war der damalige Bundespräsident Christian Wulff.

Der kämpfte in den Wochen um den Jahreswechsel um seinen guten Ruf. Ich schrieb am 24.12.2011 auf: >>Viele mögen meinen, Wulff sei zu retten … aber er ist „verbrannt“! Seine Autorität ist als dem derzeitigen Hauptobjekt der Zeitungskarrikaturen und Comedien-Szene nicht zu retten. Ich gebe ihm noch 2 Wochen.<<

Es wurden dann 6 Wochen mehr (17.2.2012) – aber das waren 6 Wochen, auf die Wulff im Nachhinein sicher gerne verzichtet hätte!

Am 4.2.12 notierte ich folgenden schrägen Einfall: „Kommt ein Bundespräsident zum Psychiater und fragt: Hatte ich nicht vor 205 Jahren das Spießrutenlaufen abgeschafft?“

Das Spießrutenlaufen war für Christian Wulff sehr real – die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen erwiesen sich schließlich als nicht haltbar. Gestolpert ist er nachträglich betrachtet über ein katastrophales Krisen-Management.

Vorerst gescheitert“ – einen anderen Rücktritt hatte es bereits im Frühjahr des Jahres 2011 gegeben. Wenn Sie heute in die bekannte Suchmaschine den Begriff „Der Lügenbaron“ eingeben, stoßen Sie an 7. Stelle auf „Karl-Theodor zu Guttenberg„.

Die Veröffentlichung einer Art Rechtfertigungsschrift mit dem Titel „Vorerst gescheitert“ jetzt genau zum Jahreswechsel 2011/12 – inhaltlich ohne nennenswerte Selbsterkenntnis seit dem Rücktritt – erwies sich ebenfalls als kein gutes Krisenmanagement.

Ich notierte mir damals die Zukunftsvision: “ Die Erfolgs-Story des Lügenbarons geht weiter: „Vorläufig gescheitert – Teil 2: Endgültig gescheitert!“

Die dritte Person in meinem Rückblick auf die Jahreswende 2011/12 ist: Thilo Sarrazin.

Ich notierte am 29.01.2012 unter dem Titel „Zufall schafft Erkenntnis“ folgendes:

(Anmerkung: der Zufall bestand darin, dass ich eine Original-Ausgabe von „Mein Kampf“ in den 1960er Jahren im Bücherschrank meines Vaters fand und sorgfältig aufbewahrt habe, so dass ich just in dem Zeitpunkt, als Herr Sarrazin durchs Fernsehen tönen durfte, diese zur Hand hatte!)

Seit einigen Tagen Dauerbeschallung mit Sarrazin-Worten war schließlich der Punkt erreicht – ich sehe einen kurzen Fernseh-Ausschnitt aus einer originalen Sarrazin-Rede:

„Wenn man in eine Herde von Rennpferden einen Ackergaul einkreuzt, dann sinkt anschließend die …. Geschwindigkeit merklich…“

Ich habe „Mein Kampf“ aufgeschlagen und begonnen zu lesen. Natürlich zuerst die Pamphlete über die RASSEN! Sofort ist sie erkennbar: die Diktion, die Wortwahl.

Bei Adolf Hitler, Mein Kampf steht – nachdem er mehrere Beispiele über Arten aus dem Tierreich beschrieben hatte wörtlich folgendes:

… Das Ergebnis der Rassenkreuzung ist also, ganz kurz gesagt, immer folgendes: a) Niedergang des Niveaus der höheren Rasse, b) körperlicher und geistiger  Rückgang und damit der Beginn eines, … , fortschreitenden Siechtums.

Angewidert wendet sich der Zeitgenosse ab – es bleibt nur zu sagen: zukünftig einfach die Klappe halten, Herr Sarrazin!

Zur Erholung von soviel „schwierigen“ Themen ein zwar auch trauriges Ereignis – aber eines das eine großartige Persönlichkeit unseres Geisteslebens ins Licht rückt. Ich notierte unter dem 29.1.2012:

„Letzte Woche ist Carl Weissner gestorben!“

(Es war genau der 24.01.12) Das war der Mann, der uns Deutschen Charles Bukowski geschenkt hat! Und auch alle die anderen Underground-, Beat- und Cut-up-Autoren übersetzt hat! Ein wirklich großer Name – und nicht einmal so alt geworden wie ich jetzt bin….

Bleibt mir nur noch ein letzter Punkt aus meinen Notizen jener Wochen nachzutragen:

Unter dem 20.1.2012 schrieb ich:

„Immer wieder gibt es Anläufe, andere „weiche“ Drogen außer Alkohol zu legalisieren. Für den Fall, das dies bei Cannabis eintritt, hat die Yoghurt-Marke „Froop“ bereits ein Produkt in der Schublade:

Yoghurt des Jahres: Maracuya-Marihuana<

Und für den Fall, dass auch harte Drogen dann folgen würden, hat Mövenpick in der Schublade:

Eis des Jahres: Schnee auf dem Kilimandscharo<

Auf die Yoghurt-Sorte warte ich aber trotz inzwischen erfolgter begrenzter Freigabe von GRAS noch heute.

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 01. Januar 2018

Das fängt ja gut an – 302

Serien gucken? – Woher nehmt Ihr die Zeit?

Nehmen Sie dies gerne als Hilferuf… über Ratschläge würde ich mich durchaus freuen!

Ich bringe denkbar schlechteste Voraussetzung zum Serien-Gucker mit: Als die erste mir im nachhinein bekannt gewordene TV-Serie „Ein Herz und eine Seele“ ab 1973 zu sehen war, war ich gerade in das „richtige“ Berufsleben eingetreten, arbeitete viel und war viel auf Geschäftsreisen. (Heute natürlich Kult – damals am Tag der Ausstrahlung vor Publikum gedreht – anfangs noch schwarz-weiß.) Zu Zeiten von Dallas (dt. ab 1981) habe ich dann noch viel mehr gearbeitet… außerdem habe ich diese Serie gehaßt! Ganz entkommen bin ich ihr dennoch nicht.

Ab er so ging es immer weiter – sollten Sie jemanden suchen, der über TV-Serien früherer Jahrzehnte bescheid weiß: fragen Sie nicht mich! Sogar bei Zwei-Teilern habe ich meistens den zweiten Teil verpasst!

Als Krönung des sprachlichen Unfugs, las ich dann vor einigen Monaten von einer „Mini-Serie“ im Fernsehen: sie hatte 2 (in Worten: zwei) Folgen!

Vermutlich ist es nur eine Frage der Zeit, dass der Begriff „Film“ für einen Film mit nur einer „Folge“ ausgestorben sein wird – zugunsten des Begriffs „Mikro-Serie“ … Diese Art der Euphemismen ist die neue Form der Folter für ein „denkendes Hirn“ – das alles hatte mal mit dem Begriff „Null-Wachstum“ begonnen – und schon bevor irgendein Kabaretist das aufs Korn hätte nehmen können gefolgt von „Negativ-Wachstum“.

Aphorismus des Tages: „Stellt Euch vor, es ist Vollbeschäftigung – aber keiner geht hin? Das ist der Albtraum den uns alle Konservativen bezüglich des Grundeinkommens suggerieren wollen …“ (Der Brandenburger Tor)

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 29. Dezember 2017

Das fängt ja gut an – 300

Raus aus der (selbstverschuldeten) Blase!

Mein „Vorsatz für die nächsten 1 bis 12 Monate“ ist: überprüfen, ob ich in einer Informations-Blase sitze und meine Positionierung im Nachrichten- und Meinungs-Fluss neu justieren.

Ich weiß, dass ich mich – wie vermutlich fast jeder von Ihnen – aus Bequemlichkeit im Laufe der Zeit immer mehr in einer „Blase“ bewege. Das ist bequem und angenehm, wenn von allen Wänden ringsum im Prinzip die eigene Meinung zurück schallt (Echo-Kammer-Prinzip). Das Leben ist hart – da ist es ein Wohlfühlfaktor, wenn man mehrmals am Tag in der eigenen Position bestätigt und bestärkt wird. Aber denken Sie daran: das ist die Methode wie Haustiere auf möglichst angepasste, wenig störendes Verhalten hin dressiert werden: ab und zu zur Bestätigung für „richtiges“ Verhalten ein „Gutsel“ füttern! Nur dass wir in diesem Falle diese Dressur in die Einbahnstraße hinein mit uns selbst machen!

Sich dagegen zu wehren ist anstrengend: man muss seine Informationskanäle überprüfen und den „Meinungs-Konsum“ korrigieren. Man kommt dann an Querstraßen, an denen man besser abbiegen sollte, anstatt weiter geradeaus zu trotten.

Wohl gemerkt: mein Thema ist hier nur die „selbstverursachte“ Blasenbildung, nicht die, in die und die großen Datenkraken, in deren Macht wir uns leichtfertig begeben, einsortieren wollen. Diese fremdbestimmten Blasen liegen heute meist noch im Bereich des Konsum-Verhaltens … noch: denn wenn Sie es genau betrachten, assoziieren gesellschaftliche Positionen und Meinungen immer stärker auch mit Konsum-Nischen. Ja, auch Ihr Konsum ist ein Element in Ihrer eigenen gesellschaftlichen Blase und hat sehr wohl eine politische Dimension!

Das ist etwas: was man auch gleich mit erledigen kann, wenn man ohnehin dabei ist seine Echokammer neu zu justieren: welche Newsletter bekomme ich ständig, die ich wirklich nicht brauche – und wo ich bisher nur zu bequem für den einen Klick war, den abzubestellen (weil ich schon vorher weiß: der Abmelden-Link ist ganz unten so winzig klein gesetzt, dass ich mir die andere, stärkere Lesebrille holen muss….).

Diese Datenkraken-Arme aus der Konsumwelt also alle gleich mal dabei mit abhacken! Es wäre naiv zu glauben, dass die nicht wirken, nur weil Ihnen die Mails mit den Newslettern „lästig“ erscheinen. Das Gefühl der Lästigkeit ist ein starkes – also gräbt sich der Newsletter-Sender jedesmal tiefer in Ihr Unterbewusstsein ein, auch wenn Sie ihn nur jedesmal „löschen“ wollen.

Lesen Sie dazu, was ich zum Thema „TRUMP“ hier mehrfach geschrieben habe: jedesmal, wenn Sie sich über Mr. President aufregen, wird die Marke Trump „wertvoller“ (im Sinne des Geschäftsmannes Trump!).

Wie also raus aus der Blase?

Ich glaube, da muss sich jeder selbst einen passenden Weg suchen. Ich beschreibe hier jetzt einfach mal, wie ich das selbst gerade zur Umsetzung meiner eigenen Vorsätze (s.o.) mache – immer mit dem Bewusstsein: das ist mein Weg, der zu mir passt. Sie werden Ihren eignen Weg finden müssen.

Voraussetzung ist also: ich möchte es mir eben NICHT so BEQUEM wie möglich machen, sondern durch Wahrnehmen von Meinungs-Diversität meine eigene Position häufig überprüfen können. Voraus geschickt sei, dass ich normalerweise täglich 1 – 2 Nachrichten-Formate in ARD/ZDF konsumiere.

  1. Regional-Zeitungen: wir lesen eine Regionalzeitung täglich – da hat man in Berlin ein verhältnismäßig großes Angebot, die haben wir nach unserem Umzug (aus Bayern) nach Berlin über mehrere Wochen hin durch tägliches Lesen/Überfliegen von fünf möglichen Blättern entschieden. Diese Wahl steht jederzeit zur Dispositition. Bis heute (ca. 12 Monate) stehen wir zu unserer Entscheidung. Ist übrigens eine ehemalige Ost-Zeitung …
  2. Überregionale Zeitungen: einmal in der Woche (Freitags) lesen wir zusätzlich zwei überregionale Tageszeitungen (aus unterschiedlichen Verlagen). Da sehen wir wichtige Themen noch einmal im Vergleich zur „Tageskost“.
  3. Wochenzeitungen: Am Donnerstag und Sonntag konsumieren wir je eine Wochenzeitung  – ebenfalls aus unterschiedlichen Verlagen stammend. Diese Wochenzeitungen habe bei uns inzwischen den Konsum von „Wochenmagazinen“ wie Stern, Spiegel, Focus ersetzt, deren journalistischer Auftrag sich – gegenüber füher – aus unserer Sicht weitgehend erledigt hat.
  4. Internationale Zeitungen und Publikationen: Ja – das erscheint mir sehr wichtig: nicht nur deutsche Zeitungen lesen. Der Blick aus dem Ausland – auch auf uns selbst – ist oft sehr aufschlußreich! Wir sind doch GLOBAL !!! Also besorge ich mir möglichst einmal in der Woche die Neue Züricher Zeitung (sehr empfehlenswert!) und seit zwei Jahren schon ist „The Atlantic“ als bedeutende Nordamerikanische Publikation in meinen Fokus gelangt: dieses Abo wird für mich die Neuerung 2018 sein.
  5. Twitter: Dies ist das ideale Medium, um sich eine „maßgeschneiderte Blase“ zu basteln – also hier aufpassen, wem man „folgt“, Sie bestimmen mit Ihren Eisntellungen, waelche Kost Sie vorgesetzt bekommen!
  6. Newsletter und Nachrichten-Portale: Seit fast einem Jahr probiere ich da erstmals ein relativ neues Angebot: den täglichen Newsletter des ZEIT-Magazins, der sich auf Medien-, Kultur- und Gesellschafts-Themen konzentriert, die ich selbst eher nicht ständig im Focus habe. Geht schnell und Herr Amendt macht das wirklich gut. Durch Zufall bin ich – als ich kürzlich Informationen über mehrere Manager suchte – wieder auf das Soziale Netzwerk XING (Ziel: Vernetzen von Professionals) gestoßen, in dem ich vor vielen Jahren schon mal war. Deren Newsletter für Politik und Gesellschafts-Themen (es gibt für jedes „Fachgebiet“ einen eigenen…) will ich hier exemplarisch kurz besprechen. Grundsätzlich bin ich nämlich sehr skeptisch in Bezug auf diese Informationsquellen, die heute sehr stark von Jüngeren anstelle von Fernsehnachrichten konsumiert werden, oft starke unterhaltende Komponenten enthalten und leider auch extrem „Werbungs-Versifft“ sind. Was kann man tun, um herauszufinden, ob man da einseitig manipuliert wird? Im Falle das XING-Newsletter habe ich eine  kleine „statistische“ Analyse der Quellen gemacht. Im Newsletter werden täglich 8 – 12 Meldungen aus verschiedensten Medien zitiert (in Form von Links): Das ist mein Recherchenergbnis an 7 Tagen um den Jahreswechsel herum:

Auswertung XING – News Politik & Gesellschaft (Zahl der Links über 7 Tage)

capital 1, faz 4, focus 1, geo 2, handelsblatt 3, harvard busines manager 1,   manager-magazin 1, n-tv 4, spiegel 9, süddeutsche 4, tagesspiegel 2, tagesschau 10, welt 6, zdf 1, zeit 6

Mir erscheint das ziemlich ausgewogen – nur die große Zahl der Links aus Tagesschau finde ich für mich etwas unpassend. Keine „Unterhaltung“, wenig Werbung – und die eher nicht für Konsum.

Darüberhinaus versuche ich mindestens zweimal in der Woche, auf irgendwelchen „sehr rechten Portalen“ zu bestimmten Theme zu recherchieren, um zu sehen, was in der ganz rechten Szene los ist! Und monatlich sehe ich mir irgend einen heißen „Verschwörungstheoretiker“ an…

Verschreiber des Tages: „Künsüm“ – ist das Türkisch oder Dänisch?

Ich wünsche allen ein Gutes Neues Jahr!

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 31. Dezember 2017