Das fängt ja gut an – 311

Erlanger Spitzen (3)

Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass sich diese Stadt den Wissenschaften verschrieben hat… schon gleich sehr früh auch der Medizin, jener Disziplin, die nicht immer bei den „echten“ Naturwissenschaftlern auch als solche galt – die heute aber aufgrund der hemmungslosen Ausbeutung von Physik, Chemie … bis hin zur Molekularbiologie … mildernde Umstände insofern genießt, als auch viele Naturwissenschaftler sich heute auf dem Gebiet der Medizin Meriten verdienen können. Auch wenn die Mathematik sich in diesem Konzert der Wissenschaften nicht öffentlich hervortut, kann man doch immerhin sagen, dass sich die ganze Sache anscheinend für die Stadt rechnet…!

Wer dann immer noch Probleme mit der Einordnung der verschiedenen Wissenschaftszweige hat, kann ja einmal Hilfe bei diesem Erlanger Institut suchen:

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Bild 11: Interdisziplinäre Therapeutik für Wissenschaftler, die den Faden verloren haben?

Ich habe gestern darüber berichtet, wie Erlangen den Bereich der großen Kliniken und Institute behutsam so entwickelt und transformiert, dass das Stadtbild relativ wenig darunter „leidet“, die Kliniken aber auch mitten in der Stadt bleiben können.

Dieser Prozess ist immer noch nicht abgeschlossen, wie man am folgenden Bild sieht, das wenige Meter von dem blauen Instituts-Schild in der Bismarkstraße entstanden ist.

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Bild 12: Erlangen Bismarkstraße – in einer Häuserreihe, die noch auf „Transformation“ wartet…

Der Druck, den die stürmische Entwicklung der Universitäten in den letzten 40 Jahren in Deutschland in ihren Standorten erzeugt haben, ist hier in Erlangen offenbar auch dadurch begrenzt worden, dass die Universität sich mit der Nachbar-Institution vereinigt hat, so dass die FAU schon lange Universität Erlangen-Nürnberg heißt. Dadurch konnten großzügige neue Campus-Areale zwischen den beiden Städten genutzt werden.

Wie es sonst aussehen würde, kann man in Heidelberg studieren, wo seit dem zweiten Weltkrieg nach und nach fast alle Fakultäten aus dem alten Stadtbild verschwunden sind – zuletzt auch die berühmten Physik-Institute unterhalb des Philosophenweges, wo Ordinarien und Wissenschaftler seit 150 Jahren aus ihren Fenstern den schönsten (urbanen) Ausblick genossen hatten, den es auf dieser Welt gibt….

In Erlangen gibt es sehr viele Häuser mit Schildern, die sich auf Persönlichkeiten der Wissenschaft beziehen, die hier einmal lebten. Gestern zeigte ich bereits das Schild für Herrn Reiniger. Auch von dem folgenden Schild habe ich wieder etwas gelernt:

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Bild 13: Wissen Sie, was ein Pandektist ist? Ich wußte es nicht… Generell: Ein Gelehrter des wissenschaftliche Rechtssystematik des deutschen Privatrechts des 19. Jahrhunderts – im Detail sehr kompliziert zu erklären: das wollen Sie nicht wissen!

Die Stadt Erlangen hat eine Aura der Bürgerlichkeit und Beschaulichkeit, wie sie auf dem folgenden Bild besonders zum Ausdruck kommt.

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Bild 14: Beschaulich-bürgerliches Erlangen… zentral am Universitäts-Schloßgarten.

Auch die längst schon eher bieder verorterten Vereinigungen der Studentenschaft – die Burschenschaften und Corporationen aller „Couleuren“ – prägen immer noch das Stadtbild mit prächtigen Gebäuden (Bild 14).

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Bild 15: Gebäude einer Erlanger Burschenschaft an der Universitätsstraße.

Der freie Geist der Wissenschaft in der Stadt – wie in unserem ganzen Land! – ist etwas, das nicht so selbstverständlich ist, dass es nicht auch völlig zu Bruch gehen kann! Dass der Ungeist des Nationalsozialismus auch hier in Erlangen sogar sehr frühzeitig und besonders heftig wüten konnte ist leider auch eine Tatsache.

Bild 16: Plakette auf dem Schloßplatz (Quelle: Wikipedia)

Bild 17: Stolpersteine vor dem Haus Hauptstraße 63 (Quelle: Wikipedia)

Wir wissen heute, dass die Folgen nur überwunden werden können, wenn alles Geschehene rückhaltlos benannt und aufgearbeitet wird. Dies geschah und geschieht in Erlangen und die Stadt erhielt für seine Förderung von Integration von kultureller Vielfalt den Titel „Ort der Vielfalt“.

Studenten- und akademisches Leben ist allen öffentlichen Bereichen, Kaffees, Wirtschaften etc zu sehen. Im Sommer sicher noch viel stärker und bunter. Jetzt im Winter drängt alles nach innen. Leider hat die Stadt sich noch nicht dazu durchringen können, diese Liegewiese im Universitäts-Schloßpark zu beheizen:

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Bild 17: Im Winter unbeheizte Liegewiese – wo sind die Studenten?

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Bild 18: … und wo sind Erlangens Rentner?

Aber in den entlegensten Dachkammern zeigt sich dann doch hier und da ein Student… oder Dachkammerpoet? Sind wir hier noch im Biedermeier?

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Bild 19: Dachkammerpoet?

Nein, im Biedermeier sind wir hier sicher nicht… eher in der Postmoderne – oder schon der Post-Postmoderne?

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Bild 20: „Manchmal sind wir verloren!!“ Ja, liebe Studenten, das ging uns in den 60/70er Jahren schon genauso!

Wer sich verloren fühlt, protestiert dann vielleicht auch zu Recht gegen staatliche Bevormundung… haben wir seinerzeit auch! Aber gegen die Freiheitsräume trotzen, die der Nachbarmensch für sich beansprucht … so wie auf dem folgenden, vorletzten Bild?

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Bild 21: „OK ! Aber ich machs trotzdem!“ Deine Freiheit endet da, wo die Freiheit der Anderen beginnt, lieber Prospektverteiler!

Das in den letzten zwei Tagen gezeigt Bild von Erlangen ist ein sehr subjektives Bild, das ich beim Durchschlendern der Stadt gewonnenn habe. Es erhebt keinen Anspruch auf Wahrheit!

Wahr ist, dass die Erlanger Stadt-Tauben mir zu Ehren einige Runden um die Hugenottenkirche flogen, als ich dem Bahnhof zwecks Abreise zustrebte!

Bild 21: Ehrenrunde zum Abschied!

Alle Bilder mit Copyright des Autors, wenn keine andere Quelle genannt ist…

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 20. Dezember 2017

Das fängt ja gut an – 312

Erlanger Spitzen (2)

Erlangens Innenstadt ist „überschaubar“. Vom Südwest-Zipfel der Neustadt (Arcaden) bis an die Auen an der Schwabach im Nordosten bin ich in 30 Minuten hindurchgewandert… Der Erlanger würde das allerdings mit dem Fahrrad in unter 10 Minuten schaffen… wobei er/sie alle möglichen und unmöglichen Wege benutzen würde – Lebensgefahr für andere Passanten dabei durchaus in Kauf nehmend. Man muss sich schon anstrengen, um ein Foto in der Stadt zu machen,  auf dem KEIN Rad oder Radfahrer zu sehen ist. Das kann gelingen auf dem Weihnachtsmarkt auf dem Schloßplatz (s. Bild 1), auf den der Bürger mit Hilfe eines aufgestreuten Waldboden-Imitates gelockt wird. Im Erlanger Hochsommer ist hier ein Sandstrand aufgeschüttet. Es ist nicht bekannt, ob die Bürger wegen dieser Angebote saisonal weniger in Urlaubsgebiete flüchten als anderswo.

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Bild 1: Glühwein auf Rinden-Dung ist für den, der ihn „genießt“ auch nicht weniger selbstzerstörend als auf dem nackten Pflaster…

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Bild 2: der Wichtel in der Laterne: Prototyp des Erlangers? – Nein! er bewacht das Feuer hier symbolisch, damit die Altstadt nicht noch einmal abbrennt!

Nach meinen Erkenntnissen sind die Radfahrer aber die einzige Gefahr in Erlangen. Damit das so bleibt, wurden hier auch in diesem Jahr die Open-Air-Events mit massiven Beton-Barrieren an den Eingängen geschützt – im Falle des historischen Marktes (Bild 3) mit niedlichen Lego-Imitaten, die die Besucher dann als Unterlage beim Futtern der Hanfsamen-Burger benutzten!

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Bild 3: „Legosteine“ am historischen Weihnachtsmarkt.

Glühwein und Hanf-Nahrungsprodukte stellen aber in Erlangen kein Problem dar, weil sich die Stadt ja ganzheitlich der Gesundheit der Bevölkerung verschrieben hat: hier vom Neustädter Zentrum aus sind mindestens fünf Kliniken fußläufig in maximal 10 Minuten zu erreichen (alle sind Teile der über 200-jährigen UKE)!

Die nächste Klinik ist die Universitäts-Frauenklinik, mit der geburtshilflichen Abteilung dierekt an der Ecke Universitäts-/Östliche-Stadtmauer-Straße-

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Bild 4: Geburtshifliche Abteilung der Frauenklinik Erlangen

Das Figuren-Paar auf der Stele hat mich immer schon angesprochen – ich ging ja zig-mal hier vorbei zur Strahlenklinik. Was es uns genau sagen will, weiß ich aber immer noch nicht – das ist aber vermutlich das Grundprinzip guter Kunstwerke…?

Wenn man hier vor dem Eingang steht, könnte man bei offener Türe wohl direkt in den Kreißsaal blicken.

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Bild 5: UKE – Eingang zu den Kreißsälen – der Fotograf steht hier auf der Universitätsstraße!

Highlight: Bei diesem Besuch lag mein Hotelzimmer im Ersten Stock so, dass ich aus dem Fenster lehnend auf diesen Kreißsaal blickte, in dem eine meiner Enkelinnen zur Welt kam.

Die innerstädtischen Kliniken residieren in stattlichen Gebäuden in historischem Gewand – nüchterner Zweckbau war Ende des 19. Jh. nicht in Mode.

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Bild 6: Treppenaufgang zu einem Klinikgebäude an der Krankenhausstraße

Ein solcher Treppenaufgang ist wohl nicht gerade barrierefrei… soll aber „Bedeutung“ der Institution unterstreichen – was leider mancher Medizin-Professor früher wohl mit seiner eigenen Bedeutung verwechselt hat. Heute ist das natürlich nicht mehr so ….

Seit dem 19. Jahrhundert sind diese Kliniken natürlich auch gewachsen – besonders in den letzten Jahrzehnten in Verbindung mit den Entwicklungen moderner Medizintechnik. Hier wird sich irgendwann die Frage gestellt haben, ob nicht alle Kliniken nach draußen vor die Stadt verlagert werden sollten. Dies ist aber in Erlangen (bisher) nicht geschehen. Ein gutes Beispiel ist die – für mich persönlich wichtigste dieser Kliniken – Stahlenklinik. Bild 7 zeigt die historische Vorderseite an der Universitätsstraße – Bild 8 das heutige Erweiterungs-Areal hinter der Klinik.

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Bild 7: Historische Front der Strahlenklinik.

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Bild 8: Erweiterungsbau der Strahlenklinik zwischen Universitäts- und Glückstraße auf der Rückseite des Gebäudes mit großem unterirdischen Trakt

Ein wichtiges Bindeglied zwischen Medizin und Ingenieurswesen ist die „Medizintechnik“, die bekanntlich bei einem der Weltmarktführer am Ort einen sehr wichtigen Standort in Erlangen hat. Das ist nicht erst seit jüngeren tagen so, wie das folgende Bild – in der Nähe des Hugenottenplatzes – zeigt.

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Bild 9: Geburtsstätte der Medizintechnik in Erlangen

Mir hat diese Gedenktafel noch einen anderen Gedanken nahe gelegt: kann es sein, dass das Zeitalter der „Garagenbetriebe“ aus denen irgendwann Weltkonzerne hervorgingen, in Deutschland nur einfach etwas länger her ist?

Das Tüpfelchen auf’s „i“ bekamen die Ausübenden der medizintechnischen Zunft kürzlich von ansässigen Konzern verliehen, indem sie zum „Healthineer“ geadelt wurden!

Solche Gedanken gingen in mir um, als ich unter trübem Winterhimmel in der Schwabach-Au spazieren ging.

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Bild 10: Winterhimmel über der Schwabach-Au in Erlangens Norden.

Morgen werde ich noch mehr über Erlangen zu berichten haben.

(Alle Bilder mit Copyright vom Autor selbst)

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 19.Dezember 2017

Das fängt ja gut an – 314

Erlanger Stadt-Spitzen (1)

Eine seltene Gelegenheit: vier (in Zahlen: 4 !!) Tage in einer kleinen Groß-Stadt verbringen, ohne Hetze, mit minimalem Pflichtprogramm. Ich lasse mich treiben und dieses Erlangen auf mich einwirken… und stöbere ein bisschen in der Geschichte, denn ohne ein Minimum Wissens über seine Geschichte und seine Topographie kann man nichts Wesentliches über einen Ort erfahren.

Ein paar Wissens-Splitter habe ich in meinem Blog-Text gestern bereits offenbart (https://der-brandenburger-tor.de/?p=4918das-faengt-ja-gut-an-315). Es ist also eine Stadt, die im Laufe der Jahrhunderte drei oder vier große Geschenke bekam, und der man nicht nachsagen kann, dass sie daraus nichts gemacht habe. Ganz im Gegenteil!

Dazu kommen ein paar Kuriositäten. Etwa die, dass in Erlangen die heutige „Altstadt“ jüngeren baugeschichtlichen Datums ist als die „Neustadt“. Oder die, dass ausgerechnet dieser Ort der Lehre und der Wissenschaft nicht weiß, was sein Name bedeutet … (Lt. Wikipedia – wobei es sicher jede Menge Hypothesen geben wird…)

Erst bei diesem Besuch ist mir auch zu vollem Bewusstsein gekommen, was ich eigentlich schon längst hätte wissen können: nämlich dass ich bei unserem Umzug vor knapp vor einem Jahr – von Westmittelfranken nach Berlin – unter dem Aspekt des vor-nationalstaatlichen feudalistischen Kleinstaaten-Deutschlands nur von Residenz zu Residenz umgezogen bin. Bis vor 1806 (als dann Franken zu Bayern kam) hätte ich dabei nur als Untertan desselben Fürstenhauses (Ansbach-Hohezollern) den Ort gewechselt: zum Kernland Brandenburg. Erlangen gehörte seinerzeit ebenso als Brandenburg-Bayreuth bzw. -Kulmbach zu Hohenzollern/Brandenburg bzw. später zum größeren PREUSSEN.

Da kam mir auch wieder jene Frage hoch, die ich seit einiger Zeit jedem stelle, der sich etwas intensiver mit Geschichte beschäftigt: warum ist bei der umfassenden Restitution nach den Napoleonischen Kriegen beim Wiener Kongress ausgerechnet Franken nicht wieder vom Kgr. Bayern abgetrennt und an Preussen zurück gegeben worden?

Nun glaube ich bei diesem Besuch in Erlangen einen ersten Hinweis zur Erklärung gefunden zu haben: der Übergang der fränkischen Bereiche zum Königreich Bayern war zwar 1806/07 zunächst durch einen machtpolitischen Willkür-Akt unter französischer Herrschaft eingeleitet worden, 1810 aber offensichtlich durch einen Kaufvertrag legitimiert worden. Das könnte erklären, dass der Vorgang nicht unter den Restitutionsgedanken fiel, der den Wiener Kongress beherrschte. Dem muss ich allerdings erst noch weiter nachgehen …

Dabei wäre äußerst interessant, zu wissen, warum dieses alte Stück deutschen Kernlandes VERKAUFT wurde… werden MUSSTE? War Brandenburg/Preussen pleite? Ich nehme gerne Hilfe an!

Erlangen erscheint mir jetzt, da es für mich – als Patient seiner Unversitätsklinik – seit zwei Jahren zu einem Teil meiner eigenen Geschichte geworden ist, als eine eigenartige aber angenehm-eigenartige Stadt: UNSPEKTAKULÄR – eine die sich zwar nicht selbst erfunden hat aber immer kräftig zugepackt hat, wenn sie dazu Gelegenheit hatte… Ich höre die Erlanger ihre Stadt nicht laut und prahlend loben sondern eher still genießen.

Vieles in der Stadt ist nicht so offensichtlich und nicht auf den ersten Blick zu sehen. In der kommenden Woche werde ich weitere „Erlanger Spitzen“ beschreiben. Die Erzählung aus dem „Dartmoore Inn“ war eine Einleitung dazu.

Aphorismus des Tages: „Wenn schon der Versuch, die Geschichte objektiv aufzuschreiben, misslingt – wie soll dann der Forschung gelingen, das zu verstehen, was geschehen ist? Zu oft wird die Beschreibung der Ereignisse bereits absichtlich gefälscht, mit dem Ziel, Akteure der Geschichte in einem besseren Licht erscheinen zu lassen oder Verbrechen zu vertuschen. Der beste Geschichtsschreiber ist ein berufener Kriminologe oder investigativer Journalist (am besten beides!) – der aber nicht den Skandal mehr liebt als die Wahrheit.“ (Der Brandenburger Tor)

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 17. Dezember 2017

Das fängt ja gut an – 310

Ist das der 6. oder der 7.  NEUE Termin für eine BER-Eröffnung?

Vorab mein Fazit zur Frage, ob dieser Termin bzw. diese Termine so wie jetzt angekündigt eingehalten werden: ein ganz klares NEIN … Es wird dann eine Reihe von Gründen dafür geben, die man heute noch nicht kannte – oder kennen wollte…

Begründung:

(Anmerkung d. Verfassers: BER = Trivialname und „Reizwort“ für das Neubauvorhaben des Flughafens Berlin-Brandenburg (FBB), der wenn er dereinst eröffnet sein würde den Namen „Willi Brandt“ tragen soll … wobei die Flughafengesellschaft, die auch FBB heißt, parallel zu dem Neubau des neuen Flughafens den alten Flughafen Tegel und den bisherigen Flughafen Schönefeld betreibt. Der neue Hauptstadt-Flughafen und der alte Flughafen Schönefeld liegen im Prinzip auf demselben Grundstück… Für alles – also sowohl für den laufenden Betrieb von zwei total überalterten Flughäfen wie auch den Neubau eines Großflughafens – ist ein normaler GmbH-Geschäftsführer leitend zuständig, der öffentlich allerdings oft fälschlich als Vorstandsvorsitzender bezeichnet wird… Die Flughafengesellschaft ist im Besitz DREIER öffentlicher Körperschaften: BRD, Land Berlin, Land Brandenburg, die naturgemäß unterschiedliche Interessen haben. Ja, und die bilden auch noch einen „Aufsichtsrat“, der aus lauter Beamten besteht, die im Dienst der Eigentümer bzw. im Ruhestand sind. In diesem „Aufsichtsrat“ saß schon jeder, der im politischen Umfeld Rang und Namen hatte… und sogar der jetzige Vorsitzende der Geschäftsführung Lütke Daldrup war vor Jahren schon einmal Mitglied in diesem Aufsichtsrat! Ich interpretiere dieses Gremium – das in der veröffentlichten Organisations-Struktur auch nicht existiert, weil in einer GmbH nicht vorgesehen – als so eine Art von Gesellschafterversammlung der GmbH bzw. einen dieser vorgeschalteten „Beirat“. Richtig konnte es mir noch keiner erklären.)

Diesen Klammer-Einschub habe ich für Nicht-Berliner gemacht – und um gleichzeitig allen Lesern die verwirrende Situation in diesem Unternehmen deutlich zu machen. Was Sie hier verwirrt, lieber Leser, ist die REALITÄT!

Über die Zählweise der Eröffnungstermine ist man sich nicht ganz einig… es ist aber auch wurscht!

Das Besondere des nun ganz neuen (am 15.12. bekanntgegebenen) Termines ist, dass es eigentlich drei Termine sind: Ende August 2018 (also in 8 Monaten!) soll der Bau fertig  sein. Ende 2020 soll dann der „neue“ BER eröffnet werden und danach Mitte 2021 der Flughafen Tegel stillgelegt werden.

Bisher hat der neue Vorsitzende der Geschäftsführung seit März 2017 – Lütke Daldrup – sich durch klare und konsequente Handlungen profiliert: er hat sofort das Führungschaos im technischen Bereich des Flughafen-Neubaus beendet (Wiedereinsetzen von technischem Leiter Schwarz), hat nach drei Monaten im Amt den (ererbten) Fertigstellungstermin 2017 zurückgezogen und die Nennung eines neuen Eröffnungs-Termines vor Ende 2017 angekündigt – diesen Termin dann auf den 15.12. präzisiert und schließlich geliefert. Er hat auch eine fundamental neue Information geliefert, nämlich, dass mit dem größten Einzelauftragnehmer verbindliche Verträge abgeschlossen wurden, die dem genannten Terminplan inhaltlich entsprechen. Das enthält die interessante Teilinformation, dass dies bisher nicht der Fall war!

Soweit ganz ordentlich.

Allerdings hatte Herr Daldrup mich schon bei seinen Vorankündigungen der Terminverkündigung mit dem Ausdruck irritiert, dass der Termin, der genannt werde „unternehmerisch verantwortbar“ sein werde – aber mit minimalen Zeitreserven. Wie ein Mantra hat er dies wiederholt.

Bitte bedenken Sie, dass es Termin-Linien gibt, deren Überschreitung gravierende Folgen nach sich zieht, die bisher weder eingepreist noch eingeplant waren:

  • Schallschutzmaßnahmen für Tegel-Anrainer,
  • Erhaltungsinvestitionen in Flughafen Tegel,
  • höherer Finanzbedarf – also zusätzliche Invest- und Betriebskosten,
  • Verfall von vor langer Zeit erteilten Genehmigungen,
  • neue Anforderungen, die das bisherige Bauvorhaben nun nicht mehr erfüllt.

Ohne genehmigten und durchfinanzierten Wirtschaftsplan könnte theoretisch ja auch eine Insolvenz drohen (GmbH-Recht!).

Sofort nach der Verkündigung der neuen Termine (2018/2020 – s.o.) gab es auch sofort einen derben Rückschlag: die für die Genehmigung des Flughafens zuständige Behörde teilte mit, dass die Termine nicht mit Ihnen „abgestimmt“ seien.  Eine Erklärung, die einerseits vorbeugen will, als Behörde nicht irgendwann den Schwarzen Peter zugeschoben zu bekommen, in der andererseits auch mitschwingt, dass man die Termine aus diesem Blickwinkel skeptisch beurteilt …

Diese Information ist insofern alarmierend, als damit ja der Teil der Terminplanung, der auf den ersten Blick sehr großzügig wirken sollte, ins Wanken gerät: die lange Inbetriebnahme-Phase von September 2018 bis Ende 2020. Die Inbetriebnahme selbst kann nur starten, wenn der Bau genehmigt und abgenommen ist!

Ein anderer Kern-Punkt des BER-Neubauprojektes erscheint mir (ich war fast 15 Jahre meines Berufslebens GmbH-Geschäftsführer!) sogar noch dramatischer: Die Geschäftsführung will erst im März 2018 einen neuen Wirtschaftsplan vorlegen – sagt aber bereits, dass die Mittel der GmbH zum Erreichen des jetzt genannten Eröffnungszieles nicht ausreichen und auch noch nicht klar ist, woher diese Mittel kommen sollen.

Wenn die Geschäftsführung in dieser Lage den Neubau fortsetzt, also auch weiter Investitionsmittel zum Fertigbau frei gibt, benötigt sie dazu sofort die ausdrückliche Genehmigung der Gesellschafter. Damit übernehmen die Gesellschafter selbst die unbegrenzte Haftung für diese ab jetzt verbrauchten Mittel! (Denn die Gesellschaft hat ja nur „beschränkte Haftung„- GmbH!) Offensichtlich hat Herr Daldrup als Organ der Geselllschaft ja diese schriftliche Zusicherung der Gesellschafter, dass notfalls mit meinen zukünftigen Steuerzahlungen an Bund und Land Berlin das alles bezahlt wird … sonst stände er ziemlich dumm da!

Erst wenn ein ausgeglichener Wirtschaftsplan vorliegt und von den Gesellschaftern genehmigt ist, kann die GmbH wieder auf normaler gesetzlicher Grundlage durch die Geschäftsführung geführt werden – solange befindet sich das Unternehmen in einer Krise! 

Dies sind aus meiner Sicht doch äußerst Besorgnis erregende Tatsachen, die vom Vorsitzenden der Geschäftsführung mit anscheinend großer Gelassenheit dargestellt und wurden. Mich würde einmal interessieren, wie die Abgeordneten des Berliner Abgeordnetenhauses darauf reagiert haben. Wurden kritische Fragen gestellt?

In den nächsten Tagen werde ich noch einige weitere Fragen zu dem Gesamtkomplex aufwerfen.

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 21. Dezember 2017

Das fängt ja gut an – 315

Ich habe keine Ahnung, wer gewinnt …

Ich bin in Erlangen – ein Abend in einer Stadt, die nicht meine Stadt ist, aber auch nicht ganz fremd… in gewisser Weise sogar meine zweite Geburtsstadt…

Erlangen verdankt fast alles, was es ist, drei großen, einschneidenden Ereignissen:

  • Der Aufnahme einer sehr großen Zahl von französischen Flüchtlingen auf einen Schlag im 17.Jh, für die dann extra vom Staat eine neue Stadt neben der alten Stadt gebaut wurde;
  • Die Verlegung der Universität kurz nach ihrer Gründung von Bayreuth nach Erlangen;
  • Die Verlegung des Hauptsitzes der Firma Siemens von Berlin nach Erlangen.

Ich habe die Jahreszahlen dieser Ereignisse alle im Kopf – erspare sie Euch aber, damit Ihr nicht auch mit soviel Müll im Hirn herumlaufen müßt.

Es gibt ein viertes Ereignis, von dem ich unsicher bin, ob man es nicht auch dazu zählen sollte: der große Brand, der die Altstadt zerstörte, so dass  man sie „modern“ wieder aufbauen konnte. Chicago hat das – langfristig – auch nicht geschadet… Dadurch ist Erlangen wohl weltweit die einzige Stadt, deren Altstadt NEUER ist als die Neustadt!

Ihr könnt jetzt den Rest des Tages darüber nachdenken, was uns das sagen will – aber bedenkt: es ist, wie es ist. Nur eines steht fest: Erlangen hat gewonnen!

Ich schlendere durch die baumlosen Gassen der Neustadt. Jetzt müßte ich mal etwas herzhaftes essen – man braucht eine Grundlage… für die Nacht in so einer Stadt!

Ich gehe in die nächst-beste Kneipe: es ist der „Dartmoore Inn“.

Die Kneipe ist rappel-voll. Wie durch ein Wunder finde ich fast ganz hinten am Tresen einen gemütlichen Platz, den ich mir mit einer mächtigen hölzernen Säule teilen darf.

Hinter mir brüllt jetzt einer unentwegt etwas , das ich wegen der großen Lautstärke nicht verstehe. Ich drehe mich um: da ist keiner, nur ein riesiger Flachbildschirm hängt an der Wand, auf dem Hoffenheim gegen Dortmund spielt – und ich habe keine Ahnung, wer gewinnt…

Diagonal entgegengesetzt in der anderen Ecke brüllt noch so ein Bildschirm – den kann ich aber nicht sehen, weil da aus meiner Sicht zwei Holz-Säulen davor stehen. Auf dem läuft glücklicherweise wenigstens dasselbe Programm (hätte schlimmer sein können…).

Ich preise den Zufall, dass ich in dieser Kneipe den offensichtlich einzigen Platz gefunden habe, von dem aus man BEIDE Bildschirme nicht sieht. Freue mich!

Es dauert noch eine ganze Weile, bis ich merke: das ist gar kein Zufall, denn dies ist eine FUSSBALL-KNEIPE. Auch gut – ich freue mich weiter.

Das Dartmoore Inn hat eine fulminante Currywurst-Karte mit 5 Currywurst-Varianten. Ich vermute, dass der Wirt ein gebürtiger Berliner ist. Ich frage ihn. Es stimmt.

Ich bestelle ein Murphy’s Stout. Die meisten Gäste trinken allerdings bayerisches Landbier, oder Veltins. Fußballfans eben.

Ich bestelle eine Currywurst mit einer exotisch-variierten Sauce und freue mich auf das Essen, denn ich liebe das Abenteuer.

Das Stout kommt und ist so tief-schwarz, wie ich es erwartet habe und schmeckt… wie Stout.

Inzwischen ist die Kneipe noch VIEL rappel-voller geworden. Ich hätte nicht gedacht, dass da so viele Leute rein gehen. Gut für die Rente des Wirts. Das Dartmoore wirbt auch damit, dass dort Dart gespielt werden kann. Mir ist schleierhaft, wie man bei dem Gedränge noch Dart spielen kann, ohne dass es zu Verletzungen kommt. Passenderweise liegen aber auch mindestens sieben große Kliniken in unmittelbarer Nachbarschaft…

Es werden überall Zettel und Stifte verteilt. Es stellt sich heraus: es wird heute Abend Kneipen-Quiz geben. Der Wirt ist der Quiz-Master.

Die Curry-Wurst kommt … sogar ziemlich zügig. Was auf dem Teller liegt, nimmt mich vollständig ein – und ich nehme es vollständig ein: prachtvoll – alles.

Zwei junge Leute neben mir versuchen, mich für ihre Quiz-Gruppe anzuwerben – in der vermutlich nicht ganz irrigen Annahme, dass jemand der so stein-alt ist wie ich, schon irgendetwas wissen wird!

Ich bin noch nie in einen Verein eingetreten (außer in die Deutsche Physikalische Gesellschaft) aber ich sage ihnen zu, dass ich es ihnen exklusiv zustecken werde, sollte ich etwas wissen. So geschieht es in der ersten Quiz-Runde. Die beiden versuchen mich mit Freibier zu bestechen, damit ich bleibe – aber das dritte Stout hätte genauso geschmeckt, wie das erste.

Ich brauche öfter was Neues… Ich gehe – und habe wieder keine Ahnung, wer gewinnt… Aber ich habe hier etwas Neues kennenglernt: hätte ich vorher gewußt, dass es eine Fußballkneipe ist, wäre ich nicht rein gegangen. Nun würde ich ins „Dartmoor“ immer wieder rein gehen! Also: ICH habe gewonnen!

Aphorismus des Tages: „Wissen kann auch hinderlich sein!“ (Der Brandenburger Tor)

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Erlangen, 16. Dezember 2017

Das fängt ja gut an – 320

Berliner Stadt-Spitzen

Ich kenne kaum jemanden, der kein ambivalentes Verhältnis zu einem Stadt-Moloch wie Berlin hat. In Berlin ist alles besonders starkt ausgeprägt: das Positive wie das Negative.

Der Anteil der Menschen, die eine positve Grundeinstellung trotz Mängeln und Anzeichen von Chaos im öffentlichen Raum haben, scheint dennoch sehr hoch zu sein. Das kann vielleicht auch so bleiben, solange die Lebensbedingungen für fast alle, die sich mit der riesigen Stadt arrangieren wollen, erträglich bleiben (z.B. Mieten!).

Wenn es so (noch oder wieder) etwas wie ein typisches „Berliner Miljöh“ in diesem babylonischen Stadtgemisch geben sollte (?), dann müßte es sich in kulturellen Elementen zum Ausdruck bringen, vielleicht sogar zu einem Ausdruck drängen… Das kann aber sicher nicht in dem Angebot etablierter Sprech- oder Musik-Bühnen bestehen, die sich auf „internationalem Niveau“ bewegen – ebenso wenig in der Präsenz von „Sterne-Restaurants“! Hier ist – außer bei der Garderobenfrau – sicher nicht viel Berliner Lebensgefühl aufzuspüren… Ich habe auch große Zweifel, ob man die so viel gepriesene „Klub-Szene“ dazu zählen kann…

Ich bin noch nicht lange genug hier, um das nachhaltig beschreiben zu können. Ich will dem nachspüren und dabei werde ich hier in diese neue Rubrik „Stadt-Spitzen“ kleine Erlebnisse, Momente und Erkenntnisse erzählen, die für mich speziell Berliner Impressionen sind.

Berliner Stadt-Spitzen 1:

Es gibt zwei kreative literarische Phänomene, die nachweislich in den 1990er Jahren für Deutschland ihren Anfang hier in Berlin genommen haben:

  • Poetry Slam (Berlin 1994 Wolf Hogekamp)
  • Lesebühnen (Berlin 1989 ff: Mittwochsfazit/Salbader – Dr. Seltsams Frühschoppen)

Poetry Slam („Demokratisierter Literatur-Wettbewerb“ mit festen Regeln) entstand 1986 in Chicago – sprang schnell nach Europa und Japan über. Heute soll der deutschsprachige Sektor der weltweit größte sein mit derzeit lt. Wikipedia ca. 300 regelmäßigen Veranstaltungsreihen.

Im Gegensatz dazu ist die Veranstaltungsform der Lesebühne in Berlin entstanden und wohl weitgehend auf den deutschsprachigen Raum begrenzt. Hier hat der Gründungsort Berlin immer noch eine überwältigende Dominanz: in der Wikipedia-Liste der deitschen Lesebühnen stehen 40 in Berlin – mit München und Hannover mit je 4 auf dem nächsten Platz…

Auf Lesebühnen gibt es keinen Wettbewerb aber trotzdem individuelle, feste Regeln. Meist gibt es eine feste lokale Autorengruppe mit einem wechselnden Gast. Oft wöchentliche Termine (mit Sommer-/Winter-Pausen), manchmal mit der Regel, dass alle Texte neu/unveröffentlicht sein müssen.

Aus beiden Metiers sind über die Jahrzehnte auch schon überregional publizierende Autoren mit hohem Bekanntheitsgrad hervorgegangen wie zum Beispiel Horst Evers (Lesebühne Frühschoppen) oder Marc-Uwe Kling (Poetry Slam – dt. Meisterschaft 2006/07).

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 11. Dezember 2017