Das fängt ja gut an – 284

Der Big Data Bluff

Jede Dystopie seit den 1930er Jahren (Schöne Neue Welt…) basiert auf unheimlich-unsichtbaren Mächten, die in einem anonym-autokratischen System alles beherrschen, alles über die Menschen wissen, ihnen total bekloppte Regeln aufzwingen und diese mit einem brutalen Strafkodex durchsetzen können, weil sie alles über jeden Bürger wissen – und es keine Gewaltenteilung mehr gibt!

Soweit so gruselig und immer wieder neu-alt, wobei eigentlich nur das Dekor ausgetauscht werden muss.

Aus Dystopien kann man – anders als behauptet – nicht viel lernen, was man nicht viel besser aus der Geschichte lernen könnte. Es sind nur drei Dinge, die jeder Bürger für jetzt und alle Zukunft mit Klauen und Zahnen verteidigen muss, damit kein anonym-autokratisches System die Herrschaft über ihn gewinnen kann:

  • Die strikte Trennung von Staat und Religion bzw. Weltanschauung – vor allem auch in Hinblick auf eine entsprechend „neutrale“ Bildung;
  • die Gewaltenteilung im Staatswesen;
  • eine möglichst unbehinderte, auch gerne investigative Presse.

Wo genau die Abgrenzung zwischen staatlichen Aktionen und der individuellen Person liegen (z.B. in Form von Videoüberwachung und Softwareeinsatz), kann nach den temporären Verhältnissen und dem Zeitgeschmack durchaus fließend gestaltet werden. Das gilt auch für die Grenze zwischen Pressefreiheit und individuellen Persönlichkeitsrechten.

Allerdings geht zunehmend eine Angst bei den Bürgern um, die oben dargestellten drei Grundprinzipien seien nicht mehr ausreichend, um seine Persönlichkeitsrechte und die Integrität des Staates zu schützen.

Die Angst wird meistens mit drei „neuen“ Phänomenen begründet:

  • der Globalisierung;
  • dem Internet (ersatzweise: „Digitalisierung“);
  • der Wirtschaft im Zustand der Kombination aus dem Vorstehnden: den global agierenden Konzernen, besonders auch dem Internetkonzernen und „Datenkraken“.

Man kann getrost von einem verbreiteten Alarmismus sprechen. Dabei spielen auch die Medien eine wichtige Rolle, indem sie pausenlos die Mantras der Alarmierer transportieren.

Hier wäre es notwendig sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: denn ich teile auch die Sorgen um den Einfluss der global agierenden Konzerne. Ich bin allerdings der Meinung, dass das Problem im Wesentlichen durch opportunistisches Fehlverhalten der meisten Staaten (nicht nur immer die ANDEREN beschuldigen!) entsteht: durch den internationale Wettbewerb um die günstigsten Steuer-Sätze für solche wirtschaftlichen Akteure entsteht erst ein wirtschaftlicher Schaden. Die Staatengemeinschaft könnte durch strikte Solidarität auf diesem Sektor Schaden weitgehend verhindern. Dann bliebe im Wesentlichen noch das Problem der neuen Wirtschaftskriminalität in Rahmen der digitalisierten Wirtschaft zu bekämpfen.

Die Globalisierung an sich hat bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts massiv eingesetzt und ist kein „neues“ Phänomen. Und seit der Erfindung und globalen Realisierung der Telegraphie ab ca. 1840 (Nachrichtenagentur Reuter seit 1851!) ist Sekundenschnelle globale Nachrichtenübermittelung Realität – auch mit den entsprechenden Auswirkungen auf die Wirtschaft (z.B. bilden sich Futtermittel- und Getreidepreise seitdem global …).

Das Internet ist nur eine Technologie, die den seit 1840 verfügbaren Stand unter die Wahrnehmbarkeit-Schwelle beschleunigt hat und unvorstellbar multipliziert auch für alle Bevölkerungsschichten verfügbar gemacht hat (Demokratisierung der Information!). Gigantische Mengen des Datenvolumens im Internet sind dabei heute entweder redundant oder irrelevant – welcher Prozentsatz das ist, weiß ich nicht. Vermutlich aber nicht unerheblich.

Das Phänomen des Internets wird nun zunehmend unter dem Schlagwort „Digitalisierung“ verpackt. Und wenn man sich zu den ganz „gruseligen dystopischen Versionen“ dieser Sache auf macht, dann ist garantiert von „Super-KI“, „Big Data“ und „Algorithmen“ die Rede.

Es wird suggeriert, dass Amazon jetzt schon besser weiß, was du morgen wollen wirst oder was Deine Kinder, die noch gar nicht geboren sind, in 20 Jahren kaufen wollen werden. Alles aufgrund von mysteriösen „Algorithmen“. Und danach weiß Google heute schon, wohin Du nächstes Jahr in Urlaub fahren wirst oder welche Partei du wählen wirst – aufgrund der Web-Sites, die Du besuchst, deinem Bewegung-Profil, Deiner Krankenakte und den Medien, die Du streamst… ebenfalls: auf Basis von KI und Algorithmen. Demnächst wird Dein Lieblings-Pizza-Dienst deine Lieblings-Pizza schon mal in den Ofen schieben, ehe Du eine Bestellung geschickt hast! Und APPLE weiß sowieso alles über Dich, weil die in deinem Smartphone sitzen und der NSA helfen alles mitzuhören und dich als Person völlig gläsern machen.

Lieber Leser: alles das ist per heute im Wesentlichen: HUMBUG! Der „Glaube“ daran basiert auf ein paar Taschenspieler-Tricks, die die oben genannten Verdächtigen aufführen, und die von Experten öffentlich als Beginn eines neuen Zeitalters gepriesen werden. Allzu viele glauben das, anstatt selbst ein paar logische Denkschlüsse zu veranstalten.

Die Wirklichkeit:

Amazon ist ein riesiger Tante-Emma-Laden, oder sagen wir besser: ein riesiges Warenhaus, das versucht, so nahe wie möglich am Zustand eines Tante Emma-Ladens zu bleiben (Achtung: das ist ein Ideal aus der Vergangenheit! … nicht eine Zukunftsvision!). Erinnern wir uns daran, wie Tante Emma in ihrem Laden gearbeitet hat: der Laden lag am Marktplatz, sie kannte alle ihre 400 Kunden (persönlich!), sie wusste wann die Geburtstag hatten, wann sie heirateten, wie alt sie waren, welche Bedürfnisse und welche Träume sie hatten – außerdem sah sie alle vorbeikommen: wenn Frieda jetzt auf der anderen Straßenseite runter geht, geht sie zu Ihrer Tante und wird auf dem Rückweg Milch bei Tante Emma holen… und wahrscheinlich ein kg Zucker, denn den hat sie länger nicht gekauft, oder Back-Hefe, denn morgen werden alle im Dorf backen für das Fest am Wochenende – usw-usw-usw. Weil Emma alles das weiß, läuft ihr Laden gut, bestellt sie Waren rechtzeitig und richtig – und manchmal kaufen Kundinnen nur etwas im Laden, um den neuesten Tratsch auszutauschen, auf dessen Basis Emma wieder wissen wird, wer was wann brauchen wird! Ja und sie wird auch wissen, wann es klug sein wird, einen Bring-Dienst einzurichten, da viele im Dorf immer älter werden!

Genau das will Amazon eben werden oder bleiben: ein Riesen-Tante-Emma-Laden! Ansonsten ist nichts Geheimnisvolles dahinter. Dazu braucht man ein gigantisches komplexes kaufmännisches Warenwirtschafts-System… „Algorithmen“ klingt natürlich besser. Ich würde das aber heute noch nicht einmal mit „Big-Data“ in Verbindung bringen.

Der Taschenspieler-Trick, der ab und zu vorgeführt wird ist, dass man irgend etwas vor kurzem gesucht hat – also plant etwas zu kaufen – und plötzlich werden einem dazu passende Angebote gemacht… Aber da steckt weder KI noch Algorithmus dahinter: das basiert auf klassischen aber riesigen relationalen Datenbanken – und manchen Menschen kommt sowas eben „unheimlich“ vor… ist es aber gar nicht! Die wollen nur sehr-sehr wettbewerbsfähig sein. Ja, man kann sicher sagen, dass der Verbraucher hier etwas „gläsern“ wird… aber was ist das dort gespeicherte Wissen über Sie, verglichen mit dem Wissen, das Tante Emma über jeden von uns hatte?

Bei Reise-Portalen sieht man am besten, wie „dumm“ das (heute noch) ist, was dahinter steckt. Sie sind eben von einer Reise nach Rom zurück gekehrt – da werden sie in den nächsten Tagen ständig Vorschläge bekommen, wie sie (angeblich) günstig nach Rom fliegen können (wo Sie ja gerade her kommen…!) und wo Sie da günstig übernachten können. Wenn da ein „Algorithmus“ dahinter steckt, dann ist das der DÜMMSTE, den ich kenne!

Google ist, wie wir eigentlich alle wissen, eine Suchmaschine, die eigentlich gar kein Wissen selbst speichert – sondern nur findet.  Das ist allerdings bei der Menge des Wissens, seinem ständigen Wachstum und der Verteilung im Netz eine gewaltige Aufgabe. Und da braucht man ständig verbesserte Software, die das bewältigt – und es werden immens viele Suchergebnisse (nicht das Wissen selbst, sondern die Referenzen dazu) abgespeichert, damit das immer schneller und besser geschieht. Und es wird auch unser eigenes Suchverhalten gespeichert. In diesem Datensatz werden wir in unserem Wissensdrang „gläsern“ – teilweise durchschaubar… aber nur, wenn wir uns entsprechend eindeutig und nachvollziehbar verhalten. Wenn wir dann noch unser gesamtes Informationsbedürfnis, Finanz-Dienstleistungen und Kommunikation über einen einzigen Dienstleister abwickeln – und uns dann noch so eine Wanze selbst in die Wohnung stellen … dann werden wir sicher ziemlich durchschaubar werden. Und es ist erwartbar, dass derartige Unternehmen Algorithmen entwickeln und immer weiter verbessern, um uns immer besser zu verstehen.

Natürlich darf man einem Unternehmen wie Google – der „Datenkrake“ – nicht „vertrauen“ – weder jetzt noch in der Zukunft. Niemand zwingt und dazu, Intimes über uns „auszulagern“. Aber immer noch gibt es gültige Gesetze, die die Grenze zwischen den wirtschaftlichen Interessen und meinen individuellen  Persönlichkeitsrechten definieren.

Wenn die großen globalen Internetkonzerne in den Geruch kommen, diese Grenzen zu verletzen, dann ist das ja eigentlich ein Nachteil für diese Firmen: wer will schon einen schlechten Ruf haben? Warum unternehmen die Firmen nicht mehr gegen diesen „schlechten Ruf“?

Hierfür gibt es eine einfache, plausible Erklärung: die Unterstellung, dass die Unternehmen diese fast mystischen Fähigkeiten haben, fast mehr über uns zu wissen als wir selbst, steigert ihren WERT! Unabhängig davon, ob sie die unterstellten Fähigkeiten haben oder nicht… Ich bin der Überzeugung, dass man dort versucht auf Basis von Big Data geeignete Algorithmen zu entwickeln – aber die heutigen Ergebnisse sind vermutlich sehr viel bescheidener, als der Mythos glauben machen will.

Die Aura dieses Mythos aber steigert den Wert der Unternehmen – und deshalb unternehmen sie auch nichts gegen diese Legende. Wenn eines Tages sich herausstellen wird (was ich erwarte!) dass sich mittels Datensammeln, Big Data und Algorithmen Gesellschaft und vor allem das Individuum nicht beliebig durchschaubar manipulierbar werden, wird sich der viel zu hohe Wert dieser Unternehmen deutlich relativieren… sie werden „entzaubert“ werden.

Beherrschbar im Sinne der typischen Dystopie à la „Schöne Neue Welt“ oder „QualityLand“ werden wir nur dann werden, wenn wir autokratischen, dem Rechtsstaat feindlich gesonnenen Tendenzen in unserer Gesellschaft Raum geben. Das können wir verhindern, wenn wir wollen!

Google, Tesla und andere sorgen heute aber schon vor gegen eine Entzauberung im Bereich der Algorithmen-Mythen. Sie schaffen neue Mythen: weit in die Zukunft greifende Innovationen bilden starke neue Narrative, wie die „Marsbesiedelung“ und „Super-KI“ respektive „Unsterblichkeit“.

Da man heute geneigt ist, den neuen Internet- und Technologie-Helden praktisch ALLES zuzutrauen, was sie in den Raum stellen, funktioniert es sogar, dass sie dabei völlig unrealistische nahe zeitliche Ziele für diese Projekte ankündigen. Die paar nüchternen Experten, die ihren Zweifel daran äußern hört fast keiner … oder will keiner hören. Her mit den Mythen: in den Science-Fiction Filmen funktioniert das doch auch alles schon!

Google arbeitet bereits erklärtermaßen (nicht lachen!) an der Unsterblichkeit des Menschen (zumindest des Gehirns!). Sie glauben das nicht? Darüber werde ich morgen berichten. Das müssen ja nicht wir, sondern die Investoren glauben … und die glauben, dass man uns so etwas verkaufen kann. Wenn das funktioniert, kann  der Wert der Firma ins Unermeßliche steigen.

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 17. Januar 2018

 

 

Das fängt ja gut an – 316

Dies könnte vielleicht ein Poetry Slam Text werden. Wenn – dann ist es mein allererster …

Das Versprechen

Oder: wie man Superreichtum erklären … könnte:

– Mach‘ Dir keine Sorgen um unser Wirtschaftssystem. Er ist absolut gerecht: die Tatsache, dass es so viele Superreiche gibt, die meistens so nicht geboren sind, ist gleichzeitig ein Versprechen, dass auch Du so reich werden kannst!

– Schön, aber wenn ich so reich bin, muss ich mir dann nicht ständig Sorgen machen, dass ich den Reichtum wieder verliere?

– Nein: das System ist so gemacht, dass Du dann automatisch immer reicher wirst.

– Toll! Und wo kommt dieser automatische höhere Reichtum her?

– Er wird Dir geschenkt! Von Leuten wie Dir, die es nicht geschafft haben.

– Ja klar, die muss es ja auch geben… da bin ich aber froh! Äh – dumm nur, dass ich noch gar nicht angefangen habe reich zu werden. Was muss ich denn da tun?

– Du musst erst einmal aufhören, diese „Kaufen-“ oder „Buy-Buttons“ anzuklicken.

– Das finde ich aber nicht gut! Die Reichen klicken doch bestimmt den ganzen Tag auf Kaufen-Buttons!?

– Nein – gar nicht! Die schauen Dir zu, wie Du auf Deine Buttons klickst… und freuen sich, denn dadurch werden sie reicher.

– Ach-so… und was muss ich nun tun, um auch reich zu werden? Bisher hast Du mir nur gesagt, was ich nicht tun soll.

– Das ist einfach: anstatt Geld auszugeben musst Du Geld einnehmen.

– Aber ich gebe doch gar kein Geld aus (entrüstet).

– Sorry – extra für Dich: anstatt von Deinem Konto zu ZAHLEN, musst Du bei anderen Konten ABBUCHEN.

– Ohhhkey… aber WAS GENAU muss ich denn nun TUN, damit das los geht mit dem Reichwerden?

– Das musst Du SELBST raus finden.

– Das finde ich blöd: wir haben doch CHANCENGLEICHHEIT !?

– So ist das Wort Chancengleichheit leider nicht gemeint

– Nicht? Ich könnte ja erst mal zum Arbeitsamt gehen? Vielleicht haben die ja Jobs, mit denen man reich wird?

– Dadurch ist noch keiner reich geworden – ausser dem, der das Arbeitsamt gebaut hat. Außerdem heißt das „DIE AGENTUR“

– Ui – klingt ja wie eine Verschwörung – was machen die denn in der AGENTUR?

– Das willst Du nicht wissen… aber wenn Du drauf bestehst: die verwalten die Armut.

– Ach so – na dann geh‘ ich da nicht hin.

– Besser so! Überhaupt… ist doch eigentlich alles gut: Du gehst morgens um 5:00 in Deinen ersten Job, Dienstag- und Donnerstag-Nachmittag machst Du Deinen zweiten Job; und mit etwas Glück findest Du für abends noch einen dritten Job. Am Wochenende drückst Du die Kaufen-Buttons und dann hast Du tagelang während deines Jobs die Vorfreude auf die Pakete, die Du, wenn Du mal Zeit hast, bei den Nachbarn abholst. Dadurch hast Du auch noch jede Menge soziale Kontakte – gratis!

– Das stimmt – aber es kann ja dann doch mal viel besser werden für mich, denn im Moment verdiene ich ja nur den Mindest-Lohn. Bestimmt bekomme ich bald auch einen höheren Lohn!?

– Da hast Du schon wieder etwas falsch verstanden – kannst Du aber nix für: das geht den meisten so! Also: Ein paar soziale Politiker hatten die Idee das Lohn-Dumping zu beenden – also keine Löhne mehr unter 8 €/h, jetzt 8,50 €/h. Das steht jetzt in einem Gesetz. Alle fanden das gut und gerecht (<>). Die Arbeitgeber fanden das auch super: hört endlich das Feilschen auf! Jetzt kriegen alle 8,50, keiner weniger – aber auch keiner mehr. Den Begriff „Mindestlohn“ hat man beibehalten, weil das gut klingt. Und es bedeutet ja auch, dass Du den Lohn irgendwann wirklich kriegst wenn Du erst die Arbeit genauso schnell schaffst, wie sich Dein Chef das vorgestellt hat.

– Danke, dass Du mir das so geduldig erklärt hast. So habe ich das noch nie gesehen. Hat denn jemand der Ministerin schon mal erklärt, was mit ihrem Gesetz passiert ist?

– Nein, das würde als soziale Härte gelten, wenn man Ministern erklärte, was ihre Gesetze WIRKLICH für Folgen hätten.

– Das ist das Schöne an Deutschland: diese soziale Wärme, die durchs Land strömt!

– O.k. – wenn Du meinst?

Aphorismus des Tages: „Die Dummheit von Regierungen sollte niemals unterschätzt werden.“ (Helmut Schmidt zugeschrieben)

Herbert Börger

Copyright Der Brandenburger Tor, 15. Dezember 2017

Das fängt ja gut an – 322

Was hat Helmut Kohl mit Harvey Weinstein zu tun? … Nichts!

Was hat die Causa Kohl („Bimbes – Schwarze Kassen“) mit der Causa Weinstein („#MeeToo“) zu tun? … Alles!

Vor vier Tagen schrieb ich hier meine Reaktion auf die Causa Kohl nach dem Film „Bimbes – Dies schwarzen Kassen des Helmut Kohl“ auf.                                                         ( https://der-brandenburger-tor.de/?p=4233 )

Kurz darauf habe ich den ZEIT-Artikel vom 25.10.17 „Die Macht des Dinosauriers“ gelesen, in dem umfangreiche Erkenntnisse und Details zur Causa Weinstein berichtet werden.

Auch zu diesen Vorgängen habe ich vor einiger Zeit ( https://der-brandenburger-tor.de/?p=2171 ) bereits hier Vermutungen über gesellschaftliche Zusammenhänge formuliert, die darauf basierten, dass ja offensichtlich fast ALLES, was unter #MeeToo jetzt öffentlich an die Oberfläche kam, im Umfeld des Täters und der Opfer BEKANNT war! Ich schrieb:

In erheblichem Umfang saßen/sitzen große Gesellschaftskreise in der Sexismus-Falle und schützen im Normalfall den Täter und nicht die Opfer. Warum ist das so? Opportunismus? Doppelmoral? Faszination durch jene, die sich nicht an Moral und Gesetz halten „müssen“, weil sie Ruhm und Macht – dafür aber keine Hemmungen haben?“

Nach dem Studium des ZEIT-Artikels schoben sich für mich die Muster beider Vorgänge bei Kohl (Macht im Staate) und Weinstein (Macht im Beruf/Unternehmen) plötzlich passgenau übereinander: hier geht es wirklich um exakt dieselben Mechanismen im Teufelskreis von Macht und Abhängigkeiten!

Im ZEIT-Artikel war Bezug genommen auf ein bereits 1998 (fr.) bzw. 1999 (dt.) erschienenes Buch der Psychologin Marie-France Hirigoyen. Deutscher Titel: „Die Masken der Niedertracht“ (Untertitel: Seelische Gewalt im Alltag und wie man sich dagegen wehren kann). Ich habe mir das Buch sofort beschafft. Die Autorin dieser Studie kann die Vorgänge um Weinstein oder Kohl nicht gekannt haben – dennoch liest sie sich mit dem heutigen Wissen so, als ob sie genau über diese schreiben würde:

(Zitat Hirigoyen, Die Masken der Niedertracht)

… Die gesamte Gesellschaft ist betroffen, sobald es um die Macht geht. Von jeher gab es Menschen ohne Skrupel, berechnend, manipulierend, für die der Zweck die Mittel heiligt. Aber die gegenwärtige Häufung perverser Handlungen in Familien und Unternehmen ist ein Symptom des Individualismus, der unsere Gesellschaft beherrscht. In einem System, das nach dem Gesetz des Stärkeren, des Gerisseneren funktioniert, sind die Perversen Könige. Wenn der Erfolg der oberste Wert ist, erscheint Redlichkeit als Schwäche und Perversität als Gewitztheit.

… Zahlreiche leitende Persönlichkeiten und Staatsmänner, die doch Vorbilder für die Jugend sein sollten, scheren sich nicht um Moral, wenn es darum geht, sich einen Rivalen vom Halse zu schaffen oder sich an der Macht zu halten. So manche mißbrauchen ihre Vorrechte, wenden psychischen Druck an, berufen sich auf die Staatsräson oder die militärische Geheimhaltungspflicht, um ihr Privatleben abzuschirmen. Andere bereichern sich durch trickreiche Kriminalität: Unterschlagung gesellschaftlichen Vermögens, Betrug oder Steuerhinterziehung. Bestechung ist an der Tagesordnung. … Wird diese Perversion nicht deutlich angeprangert, breitet sie sich heimlich aus durch Einschüchterung, Angst und Manipulation. Denn um jemand psychisch zu vereinnahmen genügt es, ihn zum Lügen zu verführen oder zur Bloßstellung anderer, was ihn zum Komplizen des perversen Vorganges macht. Das ist die Grundlage des Funktionierens der Mafia oder der totalitären Regime.

Hirigoyen gezeichnet es als den „perversen Machtmißbrauch“ und die Täter als Perverse, weil sie reihenweise an sich neutrale gesellschaftliche Prozesse pervertieren. Dabei handelt es sich um völlig aus dem Ruder gelaufene Ergebnisse eines überbordenden Individualismus!

Diese Analyse bestätigte mich endgültig in der Auffassung, dass wir es bei den Fällen Kohl/Weinstein mit dem selben Phänomen zu tun haben: einem perversen Narzissmus! Man könnte ja auch eine fast unendliche Reihe von weiteren Fällen hinzufügen: Dominique Strauss-Kahn, Trump, Dieselskandal etc. …

Das wirklich Großartige an Hirigoyens Arbeit aber ist, dass sie es nicht mit der Analyse bewenden läßt: sie stellt auch Lösungs-/Heilungs-Möglichkeiten (für die Opfer) dar. Sie analysiert auch die Gesetzeslage in verschiedenen Ländern. Es wird Zeit, dass solche Stimmen ernster genommen werden.

Für mich ergibt sich derzeit das Bild, das das Prizip der „Compliance„, das ja eigentlich in Unternehmen und Staatsorganen die Erscheinungen wie Betrug, Bestechung und Gesetzesverstöße verhindern sollte, in einem starren, teilweise die Prozesse sogar lähmenden Formalismus versandet ist – aber in der heutigen Form den perversen Machtmißbrauch nicht stoppen kann.

Wir sollten uns also in der #MeeToo-Debatte nicht auf das Thema Sexismus alleine fokussieren! Wir brauchen einen Diskurs über perversen Machtmißbrauch in allen gesellschaftlichen Bereichen!

Aphorismus des Tages: „Die Ersetzung der Macht des Einzelnen durch die der Gemeinschaft ist der entscheidende kulturelle Schritt. Sein Wesen besteht darin, daß sich die Mitglieder der Gemeinschaft in ihren Befriedigungsmöglichkeiten beschränken, während der Einzelne solche Schranken nicht kannte.“ (Sigmud Freud, 1856 – 1939, österreichischer Neurologe und Erfinder der Psychoanalyse)

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 9. Dezember 2017