Das fängt ja gut an – 319

Wir sind die „Microprocessor-Natives“!

Junge Leute ab Jahrgang 1980 (lt. Urs Gasser) werden heute gerne als „Digital Natives“ bezeichnet, weil sie mit der digitalen Kommunikation und dem Internet aufgewachsen sind. Ich persönlich würde diese Geburtsjahr-Grenze allerdings eher auf 1990 setzen, da das iPhone ja erst 2007 eingeführt wurde …

Alles davor sind also analoge Ur-Menschen, die gerade aus ihren Höhlen gekrochen waren, in denen gerade mal ein Telefon und ein Fax-Gerät standen?

Weit gefehlt! Diese Interpretation des Erfahrungshorizonts mit Digital-Technik bei älteren Menschen bedarf dringend einer Korrektur! Ich bin Jahrgang 1945 – und oute mich hiermit als „Microprocessor-Native“ = „µP-Native„. Microprozessor-Native sind sozusagen die Hard-Core-Variante des digital immigrierten Menschen: wir mussten anfangs noch direkt mit den Maschinen sprechen, um die „Segnungen“ der Digitaltechnologie zu nutzen.

Zunächst mussten wir uns alle 2-3 Jahre auf völlig veränderter Hardware, Schnittstellen, Übertragungsprotokolle, Peripherien und natürlich auch Betriebssysteme einstellen – wobei es anfangs nicht einmal Betriebssysteme gab, sondern in Programmsprachen wie Fortran, Algol oder Basic gearbeitet wurde. Wir hatten keine Ahnung, wohin die Reise gehen würde… Mit der rasend schnellen Entwicklung der Prozessorstrukturen änderten sich Hardware, Software und Bedienungs-Schnittstellen komplett, da damit stets völlig neue Möglichkeiten entstanden. Die Anwendungen änderten sich dramatisch. Die Arbeitsweise änderte sich – und alle ca. 10 Jahre auch die Form der Kommunikation mit dem Computer und mit der Umwelt. 1981 formulierte Moore die Prognose (oder Regel), dass sich alle 2 Jahre die Integrationsdichte der µPs verdoppelt. Eine kluge Schätzung… Bisher hat sich die Industrie ganz gut daran gehalten, aber es ist kein Gesetz… Marc-Uwe Kling beschreibt das in Qualityland als eine „selbst-erfüllende Prophezeiung“, was es vielleicht sehr gut trifft. Die Rechen-Geschwindigkeiten stiegen auch enorm – was aber nur Einfluß auf die „Möglichkeiten“ der Maschinen hat und nicht die Arbeitsweise per se veränderte.

Mein 1-Platinen-Heimcomputer Sinclair Z81 von 1981 hatte 1 MIPS (Millionen Instruktionen per Sekunde) – derzeit liegen wir im gehobenen PC-Sektor mit Einzel-Prozessor bei >200.000 MIPS… wobei MIPS als 8-bit-Instruktion definiert ist und gemessen wird. Ein 32bit-Prozessor ist daher in der Praxis eigentlich noch 10.000 mal schneller.

Wir „µP-Natives“ haben als Anwender in den Anfängen ständig vieles von Grund auf neu lernen – und auch verstehen müssen, was in den Kästen vor sich geht… und haben uns nicht beschwert. Der „Digital Native“ rückt ja erst in Bild dieser ganzen Entwicklung, nachdem grafische und haptische Benutzerschnittstellen in einen Milliarden-Massenmarkt eintraten, während sich der Nutzer nicht mehr die geringsten Vorstellungen davon machen muss, was in den Black-Boxes vor sich geht.

Damit man die Bedeutung und Rasanz der ab 1971 aufkeimenden Mikroprozessor-Technologie beurteilen kann, liste ich hier meine digitale Autobiographie auf:

1968: ich bin 22 Jahre alt, im 3. Semester Physik an der TU Clausthal mache ich ein EDV-Praktikum an der ZUSE 3 – Kommunikation mit der Maschine über Fortran mittels Lochkarteneingabe (also off-line). Der vorbereitete Lochkartenstapel wurde im Rechenzentrum abgegeben – am nächsten Tag erhielt ich den Ausdruck des Ergebnisses… wenn das Programm o.k. war – sonst einen Fehlerbericht… nächste Schleife (1 weiterer Tag). Ich vermute, dass der Prozessor meines Kaffe-Vollautomaten zig-fach schneller und leistungsfähiger ist als es dieses Ding war, das mehrere Räume mit Klimaanlage beanspruchte! Stellen Sie sich vor, sie müßten Lochkarten perforieren um Ihren Kaffee zu bekommen – und bekämen den dann morgen…

1970: Während der Diplomarbeit (mit HiWi-Stelle) am Institut für Metallphysik der RWTH Aachen benutzen wir einen HP Tischrechner (9100) mit Magnetkarten-Speichermedium. (Es wäre lächerlich, hier von RAM-Größen zu sprechen… anfangs konnten wir nur 216 Programmzeilen eingeben – da lernte man ein Programm auf die letzte Zeile auszuquetschen! Später erweitert auf 500 Programmzeilen beim HP 9820.) Programmierung per FORTRAN-ähnlichem „HPL-Basic“. Grafiken konnten bereits farbig auf einem Plotter ausgegeben werden. HP hatte damals ein Quasi-Monopol auf derartige wissenschaftliche Arbeitsplatz-Rechner. Preis anfangs ca. DM 15.000,–. Diskrete Elektronik – noch ohne Mikroprozessor!

1971: zunächst unbemerkt von mir, wird der Mikroprozessor erfunden! (Intel 4004).

1972: Der wissenschftlich-technische Taschenrechner HP 35 kommt auf den Markt — und kostet anfangs DM 2.000,–. Wir bekommen alle leuchtende Augen! Als der Preis ein halbes Jahr später auf DM 800,– gesenkt wird, gehe ich zu Karstadt, nehme einen Verbraucher-Kredit auf und kaufe den HP 35. Ihr glaiubt nicht, was das für ein cooles Gefühl war, dieses Teil in einer am Gürtel zun tragenden Tasche dabei zu haben. Und es wurde benutzt, dass die Tasten rauchten! Bis vor 1-2 Jahren hatte ich den noch und er lief auch immer noch am Netzgerät! Dann verschwand er leider bei 2 Umzügen… Nun habe ich mit den „Nachbau“ HP 35s besorgt, wegen der Nostalgie und der UPN… „umgekehrte polnische Notation“. Der Begriff „Taschenrechner“ wird dem Gerät allerdings nicht gerecht: angemessener ist der durchaus damals übliche Begriff „elektronischer Rechenschieber“, denn er hat das mechanische Pendant tatsächlich binnen kürzester Zeit vom Markt gefegt – nachdem TI die Preise drastisch gedrückt hatte! (P.S.: Das Gerät war ein Spleen von Mr. Hewlett! Die Marktstudie VOR Markteinführung des HP 35 hatte ergeben, dass das ein FLOP werden würde – keine nennenswerte Stückzahlen wurden erwartet!)

1973: Ich arbeite in der Industrie – in der Anwendungstechnik machen wir alle technischen Berechnungen mit dem programmierbaren Taschenrechner HP 65 (mit Magnetstreifenleser).

1976: An einer Prüfanstalt mit Forschungsbereich installiere ich an einem Tischrechner HP 9815 (mit IEC-Bus-Schnittstelle) eine ganze Reihe von Meßwerterfassungen – z.T. On-line über ein schnelles digitales Voltmeter, teils über einen Transientenrecorder (für Stoßversuche). Der Festspeicher ist jetzt so groß (2000 Programmzeilen), dass man sich bei der Programmierung nicht mehr so quälen muss. Es gibt erstmals ein Bandlaufwerk! Zeitgleich kommt der erste „PC“ von Apple heraus . Der ist aber in Deutschland eher selten anzutreffen – kurz danach kommt der Commodore 64 auf den Markt – sowas heißt in Deutschland aber dann noch „Heimcomputer„. Der Begriff „PC“ wird erst 1981 geprägt werden. Wir zogen gerade zwei noch-nicht-digital-native Kinder groß und konnten uns so etwas privat nicht leisten. Ich habe zwischendurch nur mal mit dem ca. 150 DM teuren Sinclair Z81 Homecomputer (nur Folientastatur – Anschluß an TV – 8 kB RAM (!) – aus England beschafft) „gespielt“ – einen wirklichen Nutzen hatte das Ding nicht. Zu diesem Zeitpunkt erschließt IBM den Markt der „Personal Computer“ mit dem IBM-PC – in Konkurrenz zu dem seit 1976 von einer Garagenfirma entwickelten Apple-PC. Wie dieser Kampf David gegen Goliath ausgehen würde, hatte damals sicher niemand erwartet.

1983: Den nächsten großen Schritt gibt es dann für mich ab 1983 mit dem Eintritt in die Welt von Apple-Computern im Büro-Bereich. Wir bauten damals bei Firma Freudenberg die erste 3D-CAD-Gruppe auf. Der neue IT-Leiter der Firma kam aus USA mit den neuesten Technologien an Bord. Er überließ mir seine „LISA“ – den ersten Apple-Computer mit dem von XEROX entwickelten grafischen Benutzersystem mit MAUS! Die Lisa hatte damals DM 20.000 gekostet, war ca. 1 MIPS schnell und hatte 256 kB RAM und 2 MB Festplattenspeicher. Damit gehöre ich wahrscheinlich zu einer relativ kleinen Gruppe frühester Mac-User…

Der Nachfolger der Lisa hieß dann „Macintosh“ – und mit der 512 kb-Version statteten wir alle Büro-Arbeitsplätze aus. 3D-CAD wurde auf Graphic-Workstations (in unserem Falle Sun) bewältigt – mit „sagenhaften“ 10 MIPS plus Grafikkarte, die einen eigenen, schnellen Prozessor benutzte. Ein derartiger Arbeitplatz (ohne Server) lag locker bei 125.000 DM! Während des Aufbaus eines Rotations-Körpers konnte man getrost Kaffee holen gehen…

Danach ging es rasant weiter in der Rechen- und Kommunikationsgeschwindigkeit (Peripherie) – und das ermöglichte schließlich die Gesamtheit der Prozesse, die wir heute unter „Digitalisierung“ verstehen, und die sich seit dem sagenhaften Aufstieg des World Wide Web zum Rückgrat der Globalisierung entwickelte. Digitalisierung und Globalisierung gehören untrennbar zusammen!

Damit ist klar: µP-Native und Digital-Native sind zwei völlig verschiedene Paar Stiefel!

Wir – die µP-Natives, sind die tapfer-tragischen Ritter von der traurigen Gestalt, die sich noch mit den immer rasender rotierenden Flügeln der Prozessorentwicklung geschlagen haben; Ihr – die Digital Natives, die mit Wischen und Tippen ein mächtiges weltumspannendes System von Informationen und Geschäftsvorgängen beherrschen… oder von ihm beherrscht werdet? Noch wissen wir nicht, wie es für Euch (und damit für uns alle!) ausgehen wird. Werdet ihn mit den unglaublichen Möglichkeiten fertig werden – oder angesichts dieser in einer Handlungsblockade erstarren?

Werden die Digital-Natives, konfrontiert mit den Versuchungen und Schrecken einer virtuellen Realität voller Sex, Crime, Horror, Fantasy und Sofort-Kaufanreizen, noch moralische Maximen folgen können? Werden sie schlimmstenfalls in eine Angst-Starre verfallen? Wem oder was werden sie folgen, um ihre Haltung in dieser Welt zu entwickeln?

Sollten wir uns nicht alle mit diesen Fragen sehr intensiv befassen – GEMEINSAM?

Eines scheint mir sicher zu sein: einer Generation, die eine Welt ohne WWW nicht kennt, müssen wir helfen zu lernen, dass wirklich SOZIALE Bindungen nur F2F entstehen können!

Herbert Börger

Copyright Der Brandenburger Tor, Berlin, 12. Dezember 2017

Das fängt ja gut an – 332

Wie oft am Tag benutzen Sie Wikipedia (deutsch oder englisch)?

Ich selbst kann da keine statistische Zahl für mich sagen – mal gar nicht, mal 30-mal, je nach dem, womit ich mich beschäftige – und so wird es den meisten gehen.

Ich habe gerade 50,00 € gespendet (in Kenntnis aller im Netz kursierenden Vorbehalte) – und werde es wieder tun. Dazu weiter unten.

Wikipedia ist ein nicht-mehr-weg-zu-denkender Teil unseres geistigen und sachbezogen-kreativen Lebens geworden. Wikipedia macht uns effektiv, produktiv, zielgerichtet. Auch für den Diskurs mit anderen Menschen hat Wikipedia eine durchweg positive Wirkung: wir kommen an einen Punkt, in dem wir uns über die Sachlage nicht einig sind – ein Klick – geklärt – der Diskurs kann auf gemeinsamer Grundlage weiter gehen.

Früher stand dagegen ein Gang zur Enzyklopädie im Bücherregal: Band heraussuchen – verflixt, wer hat schon wieder alle Bände durcheinandergewirbelt? ATF-Blis müsste doch ganz links stehen! (Ja – ich hatte die 17. Auflage! 25 Bände, DM 79,00 statt DM 89,00 pro Band, weil ich die Vorsatzblätter des Großen Brockhaus meines Vaters einsenden konnte! Gekauft als Student – waren wir damals reich!) – Artikel suchen… dabei blieb man bei 4 anderen, sehr interessanten Artikeln hängen… dann die Information lesen. Band wieder zurück wuchten – dabei die Bände mal endlich wieder in die richtige Reihenfolge stellen!

Haben Sie mit-gestoppt? Naja, das wissen wir ja alle… aber es ist so schön, auch mal wieder die positiven Seiten des Old-School-Recherchierens zu erwähnen: unbeabsichtigt auf Sachen stoßen, die einen immer schon mal interessiert haben – Finden ohne zu Suchen! Die absolute Königsdisziplin der Old-School-Recherche… Aber, dafür gibt es eigentlich auch modernere digitale Pendents….

Aber das Handeln ohne konkretes Ziel können wir uns neben unseren 2-3 Jobs ja sowieso nicht mehr leisten! Da könnte man ja gleich „spazieren gehen“!

Nun aber ans „Eingemachte“ (wo kommt dieser blöde Spruch eigentlich her? Muss ich mal Wikipedia fragen, obwohl…):

Man kann keinen Artikel über Wikipedia in Foren oder Presse-Portalen lesen, ohne dass binnen 5 Minuten einer sendet: „Wiki ist eine Propaganda-Plattform, die uns manipulieren will.“ – oder ähnlich bzw. noch schlimmer im Duktus.

Wikipedia ist eine Platform für „selbst-organisierte Wissensakkumulation“. Selbstorganisations-Strukturen sind nicht-autoritär geführte Organismen, die auf Basis von einigen wenigen (aber strikten!) Regeln, in der Lage sind Neues zu schaffen. Das einfachste und wirksamste Argument gegen den Manipulations-Vorwurf ist die Tatsache, dass sich JEDER – auch der, der gerade meckert! – in das Gesamtwerk einbringen kann – jederzeit – zu jedem Thema (von Relevanz!). Er muss sich allerdings bewußt sein, dass diese Inhalte überprüft werden – eben auch wieder von der „Community“. Das ist gelebte Demokratie.

Es liegt nahe, dass kommerziell interessierte Wirtschaftsteilnehmer oder Narzisten versuchen, sich in einem solche Medium gut „zu verkaufen“. Wenn das geschieht, tun sie das sicher nicht selber, sondern veranlassen andere dazu. Die Kontrolle funktioniert in diesem Bereich besonders gut, weil selbstverständlich die Konkurrenten oder Widersacher in Wirtschaft und Wissenschaften ständig darauf ein wachsames Auge haben – auch dies ein wichtiger Bestandteil der „Selbstorganisation“.

Investigative Artikel kommen auch immer wieder auf den Aspekt der Fake-News in Wikipedia zu sprechen: dabei berichten sie dann immer wieder von denselben zwei Fällen von Fake oder Manipulation… Erstens die Insel, die es gar nicht gibt, zweitens der hinzugemogelt Vorname von Theodor zu Guttenberg (wie bitte? Geht’s noch?). Diese Informationen haben natürlich mein Vertrauen in die On-Line-Enzyklopädie maßgeblich zerstört (IRONIE!!!). Wissen Sie übrigens, dass mehrere Inseln, die gar nicht existieren, teilweise seit dem 17. Jh. in offiziellen Seekarten eingetragen waren oder sind (auch Google-Maps!)? Über die Forderung, dass solch ein Medium „völlig Fake- oder Irrtums-frei“ sein sollte kann ich nur schmunzeln.

Das Medium der On-Line-Enzyklopädie ist so offensichtlich so erfolgreich, dass Kreationisten in den USA (die sich teilweise auch hinter dem Fake-Begriff „Intelligent-Design“ verstecken) eine eigene Online-Enzyklopädie nur für Kreationisten-„Wissen“ aufbauen („Conservapedia“ – nein, die ist nicht wirklich demokratisch selbst-organisiert…).

Reden wir auch über Geld! Wikipedia ist eines der unerwartet riesigen erfolgreichen Projekte der Digitalen Welt seit der Jahrtausendwende (als wir noch erwarteten, dass alle nicht-Apple-PCs zusammenbrechen könnten, nur weil das marktführende Betriebssystem den Wechsel in ein neues Jahrtausend nicht vorausgesehen hatte…).

Alle anderen „Geschäftsideen“ der „digitalen Revolution“ haben als Ergebnis unvorstellbare Milliardenvermögen der Gründer gehabt. Und wir alle haben in das Millardenvermögen von Bill Gates munter eingezahlt! Die Wiki-Platform ist eine Non-Profit-Organisation, die von Spenden getragen wird (und zukünftig vielleicht von den Erträgen des Rücklagen-Kapitals). Entgegen den immer wieder vorgetragenen Behauptungen, ist die Mittelverwendung TRANSPARENT. Der Wirtschaftsplan ist veröffentlich – das ist gesetzlich so vorgeschrieben!

Viele Nutzer der Plattform – die in den meisten Fällen selbst nicht dafür gespendet haben – regen sich öffentlich über eine „unglaubliche Verschwendung“ der Spenden-Mittel durch die leitende Stiftung auf. Leute, die die Enzyklopädie täglich und selbstverständlich KOSTENLOS nutzen (und vermutlich gerne in aller Zukunft nutzen wollen!) – und damit ständig einen Mehrwert für sich selbst schaffen! – kritisieren, dass Wikipedia „teuer“ sei. Das „Hosting“ mache ja nur gut 3% des Budgets aus….

Man liest: Die Spendenbettelei „nerve“ die Nutzer! Ich kann das wirklich nicht fassen: da wird eine kostenlose Mehrwehrtmaschine genutzt, deren Unabhängigkeit gerade durch die Non-Profit-Struktur und Werbefreiheit gewährleistet werden kann – und die Nutznießer beschweren sich darüber, dass sie diese Unabhängigkeit auch weiter mit gewährleisten sollen!

Wozu muss die Stiftung die hohen Rücklage-Vermögen aufbauen?, wird gefragt, dann sollen sie doch um weniger Geld betteln! Es sollte auch dem mit wirtschaftlichen Zusammenhängen weniger vertrauten einsehbar sein, das auch ein Non-Profit-Unternehmen wie ein Wirtschafts-Unternehmen geführt werden muss, wenn man dessen Zukunft sicher stellen will. Nach den verfügbaren Daten ist das Rücklage-Vermögen in gutem Einklang mit dem Budget gewachsen – und Wiki hat erklärt, man strebe ein Rücklagevermögen an, aus dem schließlich ein Betrieb der Platform auch ohne Spendenabhängigkeit möglich sein wird. Das würde noch mehr Unabhängigkeit bedeuten. Bis dahin werde ich weiter spenden… Besonders grinsen muss ich immer bei dem immer wieder aufkommenden Vorwurf der „Professionalität“ – sogar die Spendensammlung sei professionalisiert! Es wollen also viele auf die zuverlässigen, kostenlosen, frei zitierbaren Inhalte zurückgreifen… auch in Zukunft – aber das soll bitte von einem Chaoten-Haufen betrieben werden?

Ausblenden möchte ich hier die Neid-Debatte, die sich mittlerweile um den Gründer Jimmy Wales rankt: er sei mit Berühmten und Supperreichen gesehen worden…

… ich gönne und wünsche Jimmy Wales (nein, nicht Prince of Wales!) ein sehr gutes Gehalt und ein sehr schönes Leben – nach allem, was er uns geschenkt hat!

… sagt ein völlig unabhängiger Blogger in einem werbefreien (aber nicht Copyright-freien!) non-profit-Blog. (Mit Herrn Wales weder verwandt noch verschwägert!)

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 29. November 2017

 

Das fängt ja gut an – 334

Ich fühle mich heute früh sehr-sehr zufrieden (das ist die Vorstufe des Glücks…): heute – kurz nach Mitternacht, schickte uns einer unsere Söhne einen Link zu einem wirklich beeindruckenden,  stark dystopisch eingefärbten Animationsfilm auf youtube (https://m.youtube.com/watch?v=j800SVeiS5I&feature=share) – kurz nach sechs Uhr heute früh äußerte sich ein anderer Sohn (wir sind über einen Chat-Kanal alle gleichzeitig verbunden) zu dem Fundstück und wir hatten einen kurzen Austausch darüber, der demnächst in einem GESPRÄCH Auge-in-Auge führen wird.

Es geht hier nicht um den Inhalt des Animationsfilmes, den ich oben nur deshalb geteilt habe, um einen Eindruck zu schaffen, um welche Art von Inhalt es ging.

Vielmehr wollte ich hier teilen, welches Glück es sein kann, wenn man im fortgeschrittenen Alter im (virtuellen) Kreise seiner Familie eine REGE Kommunikation haben kann. Die ist vor allem auch dadurch geprägt, dass die Älteren und die Jüngeren jeweils unterschiedliche Dinge wissen bzw. erfahren haben, die die jeweils andere Generation nicht hat… wobei der Austausch in großem gegenseitigen Respekt verläuft! (Wir Eltern sind etwa doppelt so alt wie unser jüngster Sohn…)

Dies ist gleichzeitig ein Loblied auf die verfügbaren Möglichkeiten des Netzes: eine solche spontane ad-hoc-Kommunikation wäre ja früher überhaupt nicht denkbar gewesen, wenn man nicht am selben Ort ist (und das ist eben die Regel!). Man stelle sich vor, einer hätte den Impuls, dem anderen etwas mitzuteilen und ruft an: besetzt oder geht nicht ran. Bis zum Abend ist der „Impuls“ verloren oder vergessen. Sie würden Vater/Mutter wohl auch nicht einfach so kurz nach Mitternacht anrufen… Eine kurze Mail oder Nachricht kann man aufnehmen, nachdem man sich einen Kaffee gemacht hat und bevor man in 15 Minuten zur U-Bahn, ins Studio oder in den Stall muss. Jüngere schaffen es sogar stehend in der U-Bahn darauf zu antworten… Denkt auch ein bißchen daran, wenn Ihr das nächste Mal darüber lamentiert, dass die alle dort nur auf Ihre Mobiltelefone starren: vielleicht starren sie ja gar nicht, sondern chatten ganz intensiv mit Ihren Altvorderen?

Danke Internet und mobiles Netz!

Ja, was sonst, werden Sie sagen – das ist doch alles sehr trivial!

Stimmt – ist es … ich möchte trotzden immer wieder sagen: gerade der Diskurs zwischen Jung und Alt ist wichtig und kann – richtig angewendet – sehr stark von den neuen Möglichkeiten profitieren!

Aphorismus des Tages: „Ich bin zu alt, um nur zu spielen, zu jung um ohne Wunsch zu sein.“ (J.W. von Goethe, dt. Dichter, 1749 – 1832)

Bild des Tages: Sehr oft möchte ich ein Baum sein… Sehr lange wachsen… in der Hoffnung, dass diese gierige und erfolgreiche Spezies eines zweibeinigen Tieres meine Baumfreunde um mich herum stehen läßt!

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Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 27. November 2017

Das fängt ja gut an – 350

Digitale „Brutpflege“

Hier bringe ich zwei Erfahrungen meines Lebens zusammen, die ca. 50 Jahre auseinander liegen.

Erste Episode: „Liebe Mutti, lieber Vati…“:

Ich las gerade – nach Jahrzehnten – in einem sehr dicken Stoß sauber abgehefteter Briefe, die ich an meine Eltern 1965-1967 geschrieben habe. Das war während meiner Bundeswehrzeit. Sehr-sehr-viele Briefe! Manchmal alle paar Tage abgeschickt, manchmal mit einem Monat Pause – abhängig von der augenblicklichen Situation. Kurze, nüchterne Nachrichten – häufig aber auch sehr detaillierte Schilderungen meiner körperlichen, gesundheitlichen, ernährungstechnischen, gedanklichen und gefühlsmäßigen Lebensumstände (einschließlich Wetterbericht…).

Meine Eltern händigten mir die sauber archivierten Lebenszeichen danch aus – es waren ja auch eine Art Tagebuch.

Das Einrücken zum Militär stellte für meine Eltern den großen „disruptiven“ Lebens-Schock dar: plötzlich im Nest alleine! Wie abgeschnitten. Meine ältere Schwester war schon früher aus dem Haus gegangen – danach hatten die Eltern aber noch mich… Mit meinem Weggang (schlagartig ohne Übergang) begannen dann aber die Ablösungs-Schmerzen in voller Heftigkeit.

Dieser Prozess ist in (fast) allen Familien gut bekannt – und Kind und Mutter gehen meist sehr klug damit um: die Mutter „darf“ dann für einige Zeit bei Bedarf das Kind kontaktieren. Es ist ja ein heftiges aber eben allmächlich abklingendes Phänomen.

Damals gab es die heutigen Kommunikationsmöglichkeiten noch nicht – also schrieb ich sehr häufig Briefe nach Hause – die übrigens fast immer am Folgetag schon da waren! Dahinter stand deutlich erkennbar das Ziel, meiner Mutter die Situation etwas zu erleichtern.

Woher weiß ich dass die Briefe so schnell waren? Unter meinem Brief-Datum oben rechts war fast immer das durch meinen Vater handschriftlich vermerkte Eingangsdatum zu finden… für mich ein Indiz, dass auch er von der Situation betroffener war, als damals ein Vater zugegeben hätte.

SCHNITT – dieser Tage im Hier:

Die Ablösungsphase ist bei uns zu Hause nun schon länger her – auch beim letzten Nachzögling schon weit über zehn Jahre. Zu dem Zeitpunkt war das Mittel der Kommunikation überwiegend die inzwischen billig gewordene Telefonie.

Der jüngste Sohn hat inzwischen für die ganze Familie eine Nachrichten-Gruppe (und auch bilaterale Kanäle zwischen einzelnen Mitgliedern) auf einem Messenger-Dienst eingerichtet – auf dem seit über einem Jahr ein sehr intensiver Austausch zwischen allen Familienmitgliedern läuft. Stark fluktuierend: mal nur wenige Worte, ein Satz  hingeworfen dann mal Seitenlange Ergüsse und ebensolange Erwiederungen. Wir empfinden das als eine wundervolle Möglichkeit, Nähe auf VIRTUELLEM Wege herzustellen. Man braucht auch bei den Nachrichten nicht hinzusehen, wer der Absender ist: man erkennt es sofort an der Ausdrucksweise.

Es ist tatsächlich so etwas wie ein neue NEST geworden, jedenfalls aus unserer Eltern-Sicht. Das Internet kann also tatsächlich helfen, das uralte Problem der Ablösung besser zu lösen.

Als meine Frau und ich gestern nach einem Streifzug durch den Berlin-Dschungel nach Haus kamen, stellte ich fest: seit mehr als 2 Tagen keine Nachricht auf dem Messenger – von keinem einzigen Nestbewohner nur das kleinste Wort! Seit über 48 Stunden! Einzelne noch länger…?

Es veranlasste mich einen kleinen besorgten Rund-Ruf zu senden: tja – Väter allein im Nest.. äh.. Netz?

Anstatt eines Aphorismus:

Dem ja so gängigen „Internet-Bashing“ (auf as www-Netz einprügeln), dem ich hier auch bereits wiederholt unter dem Stichwort „Digitale Pest“ gefrönt habe, möchte ich gerechterweise jene „Wunder“ gegenüber stellen, die unser „Leben in Zeiten des WWWbereichert haben! Da gibt es eben in dem Bereich Eltern-Kinder eben nicht nur die vielen lustigen und slapstick-artigen Momente (ausgelöst durch die Tapsigkeit der Älteren lauf diesem Terrain) sondern echte emotionale Aspekte – s.o.

Bild des Tages:

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Herbert Börger

Der Brandenburger Tor, Berlin, 10.November 2017