Das fängt ja gut an – 319

Wir sind die „Microprocessor-Natives“!

Junge Leute ab Jahrgang 1980 (lt. Urs Gasser) werden heute gerne als „Digital Natives“ bezeichnet, weil sie mit der digitalen Kommunikation und dem Internet aufgewachsen sind. Ich persönlich würde diese Geburtsjahr-Grenze allerdings eher auf 1990 setzen, da das iPhone ja erst 2007 eingeführt wurde …

Alles davor sind also analoge Ur-Menschen, die gerade aus ihren Höhlen gekrochen waren, in denen gerade mal ein Telefon und ein Fax-Gerät standen?

Weit gefehlt! Diese Interpretation des Erfahrungshorizonts mit Digital-Technik bei älteren Menschen bedarf dringend einer Korrektur! Ich bin Jahrgang 1945 – und oute mich hiermit als „Microprocessor-Native“ = „µP-Native„. Microprozessor-Native sind sozusagen die Hard-Core-Variante des digital immigrierten Menschen: wir mussten anfangs noch direkt mit den Maschinen sprechen, um die „Segnungen“ der Digitaltechnologie zu nutzen.

Zunächst mussten wir uns alle 2-3 Jahre auf völlig veränderter Hardware, Schnittstellen, Übertragungsprotokolle, Peripherien und natürlich auch Betriebssysteme einstellen – wobei es anfangs nicht einmal Betriebssysteme gab, sondern in Programmsprachen wie Fortran, Algol oder Basic gearbeitet wurde. Wir hatten keine Ahnung, wohin die Reise gehen würde… Mit der rasend schnellen Entwicklung der Prozessorstrukturen änderten sich Hardware, Software und Bedienungs-Schnittstellen komplett, da damit stets völlig neue Möglichkeiten entstanden. Die Anwendungen änderten sich dramatisch. Die Arbeitsweise änderte sich – und alle ca. 10 Jahre auch die Form der Kommunikation mit dem Computer und mit der Umwelt. 1981 formulierte Moore die Prognose (oder Regel), dass sich alle 2 Jahre die Integrationsdichte der µPs verdoppelt. Eine kluge Schätzung… Bisher hat sich die Industrie ganz gut daran gehalten, aber es ist kein Gesetz… Marc-Uwe Kling beschreibt das in Qualityland als eine „selbst-erfüllende Prophezeiung“, was es vielleicht sehr gut trifft. Die Rechen-Geschwindigkeiten stiegen auch enorm – was aber nur Einfluß auf die „Möglichkeiten“ der Maschinen hat und nicht die Arbeitsweise per se veränderte.

Mein 1-Platinen-Heimcomputer Sinclair Z81 von 1981 hatte 1 MIPS (Millionen Instruktionen per Sekunde) – derzeit liegen wir im gehobenen PC-Sektor mit Einzel-Prozessor bei >200.000 MIPS… wobei MIPS als 8-bit-Instruktion definiert ist und gemessen wird. Ein 32bit-Prozessor ist daher in der Praxis eigentlich noch 10.000 mal schneller.

Wir „µP-Natives“ haben als Anwender in den Anfängen ständig vieles von Grund auf neu lernen – und auch verstehen müssen, was in den Kästen vor sich geht… und haben uns nicht beschwert. Der „Digital Native“ rückt ja erst in Bild dieser ganzen Entwicklung, nachdem grafische und haptische Benutzerschnittstellen in einen Milliarden-Massenmarkt eintraten, während sich der Nutzer nicht mehr die geringsten Vorstellungen davon machen muss, was in den Black-Boxes vor sich geht.

Damit man die Bedeutung und Rasanz der ab 1971 aufkeimenden Mikroprozessor-Technologie beurteilen kann, liste ich hier meine digitale Autobiographie auf:

1968: ich bin 22 Jahre alt, im 3. Semester Physik an der TU Clausthal mache ich ein EDV-Praktikum an der ZUSE 3 – Kommunikation mit der Maschine über Fortran mittels Lochkarteneingabe (also off-line). Der vorbereitete Lochkartenstapel wurde im Rechenzentrum abgegeben – am nächsten Tag erhielt ich den Ausdruck des Ergebnisses… wenn das Programm o.k. war – sonst einen Fehlerbericht… nächste Schleife (1 weiterer Tag). Ich vermute, dass der Prozessor meines Kaffe-Vollautomaten zig-fach schneller und leistungsfähiger ist als es dieses Ding war, das mehrere Räume mit Klimaanlage beanspruchte! Stellen Sie sich vor, sie müßten Lochkarten perforieren um Ihren Kaffee zu bekommen – und bekämen den dann morgen…

1970: Während der Diplomarbeit (mit HiWi-Stelle) am Institut für Metallphysik der RWTH Aachen benutzen wir einen HP Tischrechner (9100) mit Magnetkarten-Speichermedium. (Es wäre lächerlich, hier von RAM-Größen zu sprechen… anfangs konnten wir nur 216 Programmzeilen eingeben – da lernte man ein Programm auf die letzte Zeile auszuquetschen! Später erweitert auf 500 Programmzeilen beim HP 9820.) Programmierung per FORTRAN-ähnlichem „HPL-Basic“. Grafiken konnten bereits farbig auf einem Plotter ausgegeben werden. HP hatte damals ein Quasi-Monopol auf derartige wissenschaftliche Arbeitsplatz-Rechner. Preis anfangs ca. DM 15.000,–. Diskrete Elektronik – noch ohne Mikroprozessor!

1971: zunächst unbemerkt von mir, wird der Mikroprozessor erfunden! (Intel 4004).

1972: Der wissenschftlich-technische Taschenrechner HP 35 kommt auf den Markt — und kostet anfangs DM 2.000,–. Wir bekommen alle leuchtende Augen! Als der Preis ein halbes Jahr später auf DM 800,– gesenkt wird, gehe ich zu Karstadt, nehme einen Verbraucher-Kredit auf und kaufe den HP 35. Ihr glaiubt nicht, was das für ein cooles Gefühl war, dieses Teil in einer am Gürtel zun tragenden Tasche dabei zu haben. Und es wurde benutzt, dass die Tasten rauchten! Bis vor 1-2 Jahren hatte ich den noch und er lief auch immer noch am Netzgerät! Dann verschwand er leider bei 2 Umzügen… Nun habe ich mit den „Nachbau“ HP 35s besorgt, wegen der Nostalgie und der UPN… „umgekehrte polnische Notation“. Der Begriff „Taschenrechner“ wird dem Gerät allerdings nicht gerecht: angemessener ist der durchaus damals übliche Begriff „elektronischer Rechenschieber“, denn er hat das mechanische Pendant tatsächlich binnen kürzester Zeit vom Markt gefegt – nachdem TI die Preise drastisch gedrückt hatte! (P.S.: Das Gerät war ein Spleen von Mr. Hewlett! Die Marktstudie VOR Markteinführung des HP 35 hatte ergeben, dass das ein FLOP werden würde – keine nennenswerte Stückzahlen wurden erwartet!)

1973: Ich arbeite in der Industrie – in der Anwendungstechnik machen wir alle technischen Berechnungen mit dem programmierbaren Taschenrechner HP 65 (mit Magnetstreifenleser).

1976: An einer Prüfanstalt mit Forschungsbereich installiere ich an einem Tischrechner HP 9815 (mit IEC-Bus-Schnittstelle) eine ganze Reihe von Meßwerterfassungen – z.T. On-line über ein schnelles digitales Voltmeter, teils über einen Transientenrecorder (für Stoßversuche). Der Festspeicher ist jetzt so groß (2000 Programmzeilen), dass man sich bei der Programmierung nicht mehr so quälen muss. Es gibt erstmals ein Bandlaufwerk! Zeitgleich kommt der erste „PC“ von Apple heraus . Der ist aber in Deutschland eher selten anzutreffen – kurz danach kommt der Commodore 64 auf den Markt – sowas heißt in Deutschland aber dann noch „Heimcomputer„. Der Begriff „PC“ wird erst 1981 geprägt werden. Wir zogen gerade zwei noch-nicht-digital-native Kinder groß und konnten uns so etwas privat nicht leisten. Ich habe zwischendurch nur mal mit dem ca. 150 DM teuren Sinclair Z81 Homecomputer (nur Folientastatur – Anschluß an TV – 8 kB RAM (!) – aus England beschafft) „gespielt“ – einen wirklichen Nutzen hatte das Ding nicht. Zu diesem Zeitpunkt erschließt IBM den Markt der „Personal Computer“ mit dem IBM-PC – in Konkurrenz zu dem seit 1976 von einer Garagenfirma entwickelten Apple-PC. Wie dieser Kampf David gegen Goliath ausgehen würde, hatte damals sicher niemand erwartet.

1983: Den nächsten großen Schritt gibt es dann für mich ab 1983 mit dem Eintritt in die Welt von Apple-Computern im Büro-Bereich. Wir bauten damals bei Firma Freudenberg die erste 3D-CAD-Gruppe auf. Der neue IT-Leiter der Firma kam aus USA mit den neuesten Technologien an Bord. Er überließ mir seine „LISA“ – den ersten Apple-Computer mit dem von XEROX entwickelten grafischen Benutzersystem mit MAUS! Die Lisa hatte damals DM 20.000 gekostet, war ca. 1 MIPS schnell und hatte 256 kB RAM und 2 MB Festplattenspeicher. Damit gehöre ich wahrscheinlich zu einer relativ kleinen Gruppe frühester Mac-User…

Der Nachfolger der Lisa hieß dann „Macintosh“ – und mit der 512 kb-Version statteten wir alle Büro-Arbeitsplätze aus. 3D-CAD wurde auf Graphic-Workstations (in unserem Falle Sun) bewältigt – mit „sagenhaften“ 10 MIPS plus Grafikkarte, die einen eigenen, schnellen Prozessor benutzte. Ein derartiger Arbeitplatz (ohne Server) lag locker bei 125.000 DM! Während des Aufbaus eines Rotations-Körpers konnte man getrost Kaffee holen gehen…

Danach ging es rasant weiter in der Rechen- und Kommunikationsgeschwindigkeit (Peripherie) – und das ermöglichte schließlich die Gesamtheit der Prozesse, die wir heute unter „Digitalisierung“ verstehen, und die sich seit dem sagenhaften Aufstieg des World Wide Web zum Rückgrat der Globalisierung entwickelte. Digitalisierung und Globalisierung gehören untrennbar zusammen!

Damit ist klar: µP-Native und Digital-Native sind zwei völlig verschiedene Paar Stiefel!

Wir – die µP-Natives, sind die tapfer-tragischen Ritter von der traurigen Gestalt, die sich noch mit den immer rasender rotierenden Flügeln der Prozessorentwicklung geschlagen haben; Ihr – die Digital Natives, die mit Wischen und Tippen ein mächtiges weltumspannendes System von Informationen und Geschäftsvorgängen beherrschen… oder von ihm beherrscht werdet? Noch wissen wir nicht, wie es für Euch (und damit für uns alle!) ausgehen wird. Werdet ihn mit den unglaublichen Möglichkeiten fertig werden – oder angesichts dieser in einer Handlungsblockade erstarren?

Werden die Digital-Natives, konfrontiert mit den Versuchungen und Schrecken einer virtuellen Realität voller Sex, Crime, Horror, Fantasy und Sofort-Kaufanreizen, noch moralische Maximen folgen können? Werden sie schlimmstenfalls in eine Angst-Starre verfallen? Wem oder was werden sie folgen, um ihre Haltung in dieser Welt zu entwickeln?

Sollten wir uns nicht alle mit diesen Fragen sehr intensiv befassen – GEMEINSAM?

Eines scheint mir sicher zu sein: einer Generation, die eine Welt ohne WWW nicht kennt, müssen wir helfen zu lernen, dass wirklich SOZIALE Bindungen nur F2F entstehen können!

Herbert Börger

Copyright Der Brandenburger Tor, Berlin, 12. Dezember 2017