Das fängt ja gut an – 219

Wer und welche Religion oder Staatsauffassung gehört zu Deutschland und welche Leitkultur haben wir, bitteschön?

Ich bin es leid, von älteren, aufgeblasenen Politikern (ja auch Politikerinnen!), die in einer langen – quälend langen! – Machterhaltungs-Karriere verdumpft, ja inzwischen verdummt sind, ständig erklärt zu bekommen was unsere „Leitkultur“ sei. Dazwischen krähen dann auch noch einige früh-machtgeile Jung-Karrieresuchende, die froh sind endlich eine Thema besetzen zu können, das zu ihnen passt!

Leute: reißt Euch gefälligst zusammen! Es sehen Euch Millionen von Bürgern dabei zu, was Ihr öffentlich treibt. Ja, ich meine auch Sie, der jetzt Minister ist, nachdem er erst kurz nach der Jahrtausendwende anscheinend ein Not-Abitur gemacht hat… und jetzt glaubt anderen erklären zu müssen, was KONSERVATIV ist. Es gibt in der Nähe Ihres neuen Amtssitzes sicher eine Volkshochschule, in der Sie abends nochmal einen Kurs über das Grundgesetz belegen können.

In unserem Staat ist JEDEM – egal wie lange er sich hier schon aufhält und welche Staatsangehörigkeit er hat – RELIGIONSFREIHEIT gewährt. Sie werden im Grundgesetz keine Liste finden, welche Religion dazu gehört oder nicht… (Gäbe es diese Liste, wäre sie vermutlich länger als der ganze Text des Grundgesetzes!)

Die Feststellung, dass unsere Kultur in Deutschland „christlich-jüdisch“ geprägt sei, ist eine LEERFORMEL. Politiker sagen nun einmal gerne: „A ist gleich A, davon beißt keine Maus einen Faden ab und im übrigen stehe ich hier und kann nicht anders als Sätze solcher Tragweite sprechen!“ Es gibt große Landstriche in Deutschland (= mehrere Bundesländer), in denen sich heute gerade mal 25% der Bevölkerung zu christlich-jüdischen Religionen bekennen (und kaum einzelne Prozente zu anderen Religionen) – und davon vermutlich noch ein beträchtlicher Anteil nur als „Mitläufer“ – wir wissen ja: Taufe – Konfirmation – Weihnachten und Hochzeit… da weiß man doch, dass man einen seriösen Dienstleister hat!

Wenn die Dichte der Kapellen, noch aktiven Kirchen, Turm-und-Klassenzimmer-Kreuze, Madonnen-Figuren und Kruzifixe weiter südwestlich höher ist, dann soll das gerne so sein aber:

das ist PRIVATSACHE – man ist FREI darin! Und das ist gut so!

Ich persönlich bekenne mich zu keiner Religion – aber ich achte Ihre Religiosität, wenn Sie diese inhaltlich und formell leben. Wenn Sie ein Mitläufer-Christ sind, dann ist meine Achtung vielleicht nicht ganz so hoch – aber auch das ist Ihre Sache: Sie werden schon wissen, warum Sie einen spürbaren Teil Ihres Einkommens dafür einsetzen.

Im Übrigen gehört das Thema Religion nur dann auf die politische Bühne, wenn es darum geht, die Religionsfreiheit zu schützen, wozu auch gehört, die zu schützen, die unbehelligt von Religion frei leben wollen

NICHT schützenswert sind Gruppen und Grüppchen, die allen Ernstes propagieren, dass alle, die sich nicht zu ihrem Vereinszweck bekennen (symbolisiert in einem Gott oder Propheten) umgebracht oder versklavt werden sollten. Das wissen bei uns nämlich die meisten Bürger, dass das gegen die Menschenrechte und/oder das Grundgesetz verstößt.

Obwohl es natürlich bezüglich der christlichen Kirchen eine Sache der historisch-kulturellen Betrachtungsweise sein kann: noch vor wenigen hundert Jahren galt diese Haltung gegenüber Nicht-Chrsiten durchaus noch als LEGITIM… und wurde auch praktiziert. Ich erkläre hier ausdrücklich, dass mir heute keine christliche Kirche mehr bekannt ist, die diesen standpunkt heute noch vertritt (mit der Ausnahme, dass christlich geprägte Investoren fremde Länder wirtschaftlich verwüsten dürfen….).

Ich sollte aber doch noch erwähnen, dass meiner Meinung nach nur ein marginaler Unterschied zum Umbringen von Nicht-Christen darin liegt, denen, die nicht an den Richtigen Gott/Propheten glauben, die Hölle nach dem Tode anzudrohen… Das gilt durchaus bis heute. Und es galt/gilt sogar zwischen den verschiedenen christlichen Kirchen gnadenlos: die katholische Großmutter meiner Frau hat sie als (damals noch) evangelisches „Balg“ mitleidslos auf dem weg zum Kindergarten hinter sich her her gezerrt: das war ja sowieso verloren…

Es gibt Unmengen von christlichen (oft „evangelikalen“) Gruppen und Grüppchen, die in wichtigen Glaubensgrundsätzen ihrer Vereine unser Grundgesetz verletzen. Aus meiner Sicht gehören die Kreationisten und Anhänger des „Intelligent Design“ (eine Kreationisten-Tarnorganisation) dazu.

Und zwar nicht deshalb, weil sie ihre Anhänger dazu auffordern zu glauben, dass Gott eigenhändig und buchstabengetreu vor ca. 6.400 Jahren die Welt in allen Einzelheiten geschaffen hat. Die können meinetwegen glauben, was sie wollen!

Dazu sollen in USA ca. 25% der Bevölkerung gehören – bei uns aber immerhin 15%.

Der Verstoß gegen unsere staatlich-gesellschaftlichen Regeln liegt darin, dass diese Gruppen Schulen gründen und betreiben, in denen dieser Unfug allen Kindern als seriöse Pseudo-Wissenschaft gelehrt wird!

Wo das Problem ist?

Fragen Sie sich bitte selbst, ob sie möchten, dass ein wesentlicher Anteil der Wählerschaft in unserer Demokratie durch derart absurde Vorstellungen manipulierbar gemacht wird?

Die groteske Situation liegt hier in unserem Rechtssystem begründet: es ist bei uns erlaubt alles zu lehren – solange die Schule den systemisch „vorgeschriebenen Stoff“ rüber bringt. Daneben ist anscheinend jeder Stuß erlaubt!

In den USA gibt es wenigstens durch das Rechtssystem bedingt die echte Bremse, dass in öffentlichen Schulen (und das sind eigentlich auch fast alle privaten, da sie vom Staat maßgeblich mitfinanziert werden) Kreationismus nicht gelehrt werden darf – und auch Intelligent Design gilt lt. Rechtssprechung hierzu! Das versuchen die kreationistischen Fundamentalisten derzeit auszuhebeln… ich fürchte, es wird ihnen gelingen!

Hiermit wollte ich nur einige – wirklich relevante – Schnittstellen zwischen Politik und religion anreißen.

Komme ich zurück zum Anfang des Textes:

Politiker – zumal solche, die in der Regierung der BRD sitzen – haben den Auftrag des Grundgesetzes zu erfüllen: also die Religionsfreiheit (und die Freiheit der nicht-religiösen Bürger – ja, auch Börger) zu gewährleisten. Ansonsten sollen sie sich zurücknehmen und Landtagswahlen dadurch zu gewinnen versuchen, dass sie gute Politik für die Bürger machen!

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 22. März 2018

Das fängt ja gut an – 252

Was ist Heimat?

… lassen wir uns das von Politikern erklären?

Jetzt aber im Ernst:

„Heimat“ ist erst einmal nur ein Wort. Oder eine Metapher.

Man kann das Wort mit beliebigen Inhalten füllen – was Heimat wirklich für jeden einzelnen von uns ist, das ist in uns selbst drin. Man braucht uns dazu eigentlich nicht zu belehren – vor allem Politiker nicht, die das Thema instrumentalisieren, um uns Inhalte zu vermitteln, die mit dem Thema gar nichts zu tun haben.

Repräsentiert Heimat einen Ort? Ist es Synonym für „zu Hause“, bayerisch: „Dahoam“? Oder ist es mehr als das? Synonym für Geburtsort? Verkörpert es Geschichte? Repräsentiert es Tatkraft und Gemeinschaft? Und was sind seine Symbole? Bauwerke? Bräuche? Schnelles Internet?

Ich kann das Wort mit Emotionen verbinden – oder eben mit Gerümpel anfüllen – wie ein „Heimatmuseum“, wo alles gleichzeitig weggesperrt und vorgezeigt wird, was man nicht mehr bei sich zu Hause haben will.

In der Biographie jedes einzelnen Menschen spielt die Heimat eine wechselhafte Rolle. Ein sehr typischer Verlauf ist der folgende: bis zum Alter von etwa 12/13 Jahren stellt die engere Umgebung eine traditionell beschützende und überschaubare Welt dar, die dem Erfahrungshorizont des Kindes angemessen ist. Danach will der Jugendliche seinen Horizont erweitern und hinausblicken in die „weite Welt“: daran hindert ihn jetzt das eng-begrenzte Nest, in dem er aufwuchs und Kräfte entwickelte. Er beginnt die Heimat als etwas zu hassen, das ihn beschränkt. In der Folge strebt der Mensch zur Volljährigkeit da hinaus – wenn ihm das gelingt, wird er seine in der Heimat (und Familie) gewonnenen Kräfte „draußen“ erproben. Rückblickend auf die Heimat wird (meistens) der Hass verschwinden und er wird sich vor allem lustig machen über diese kleine Welt dort. Hat der Mensch so um 35 schließlich sein Leben gefunden und eingerichtet, wird er wieder anfangen milde und wohlwollend auf den „Hort seiner Kindheit“ zurück zu blicken – oder auch nicht… denn es gibt Heimat-Räume, in denen so Schreckliches passiert ist, dass die rückwärts gewandte Verklärung nicht mehr möglich ist (entweder für den Einzelnen oder die Gesellschaft).

Eine solche Schreckens-Heimat kann nur durch rigorose „Aufarbeitung“ der Schrecken wieder neu errichtet werden. Das können aber nur die Menschen, die dort lebten oder noch leben – da kann kein Politiker helfen.

Das Wort „Heimat“ POLITISCH mit Emotionen aufzuladen ist entweder dumm oder verantwortungslos. Als nächstes wird dann das Wort „Vaterland“ für das Staatswesen eingeführt?

Indem ich das Etikett „Heimat“ auf gesetzgeberische, verwaltungstechnische oder wirtschaftliche Zusammenhänge und Inhalte klebe, ziele ich auf die Zustimmung bestimmter Wählerkreise. Bestenfalls klebe ich dabei das Etikett nur auf etwas, was ich pflichtschuldig SOWIESO tun sollte und muss – benutze also eine Leerformel (a = a) um Wählerstimmen zu binden. Dann klingt das so wie in das Motto, das das Ministerium MHKBG NRW dem Teilbereich „Heimat“ vorangestellt hat: „Nordrhein-Westfalen bietet uns allen eine lebenswerte Heimat im Herzen Europas. Weltoffenheit und Toleranz, Verantwortungsgefühl und Gemeinsinn schaffen einen starken gesellschaftlichen Zusammenhalt – ob in den großen Städten oder in den ländlichen Regionen.“ Das geschah durch die neue CDU-geführte Regierung Laschet wohl weitgehend unbemerkt vom Rest der Republik außerhalb NRWs.

So wird sowohl in Bayern als auch NRW das „Heimat-Ressort“ angefüllt aus einem Sammelsurium von Zuständigkeiten, die es alle woanders schon gab. Und ein Minister macht es in Personalunion. Eigentlich Wurscht. Was mich stört: dieser Prozess des willkürlichen verwaltungstechnischen Umorganisieren bereits existierender Abläufe ändert nichts an der Sache – aber verursacht KOSTEN! Das ist mir als Staatsbürger und Steuerzahler ärgerlich – HEIMAT als teures politische ETIKETT!

Und das jetzt auch noch auf Bundesebene? Das Thema „Heimat“ ist wirklich auf allen drei Verwaltungsebenen (Kommune – Land – Bund) „auszuschlachten“? Bürger wehrt Euch gegen diese Verschwendung Eurer Steuern! (Ihr bezahlt hier den CSU-Wahlkampf LTW18 doppelt!!!)

Schlimmstenfalls wird das Wort Heimat für Ideologie mißbraucht – auch das liegt nahe, wenn ich es politisiere. Man sollte sich aber nicht wundern, wenn es dann in einem Sinne ausgeschlachtet wird, den man eigentlich nicht wollte  – nachdem man geholfen hatte es politisch „salonfähig“ zu machen: so sehe ich heute die AfD-ler süffisant grinsend neben der Debatte stehen, die CSU, CDU und Grüne über die „Heimat“ lostreten und jeder von ihnen mit seinen eigenen halsbrecherischen Floskeln füllt! Alle glauben, dass sie durch das „Besetzen des politischen Terrains Heimat“ den Ideologen den Wind aus den Segeln nehmen können. Ich befürchte aber, dass das Gegenteil eintreten wird: sie machen die Schlagworte salonfähig, die dann die Ideologen für ihre Zwecke ausschlachten können!

Politische Stilblüte des Tages:

Ministerin Scharrenbach (Ministerium MHKBG NRW):

„Das Christentum ist keine ausgrenzende Religion. Unser Grundgesetz, das die Gleichwertigkeit aller Menschen unabhängig von Glaube, Geschlecht und Ethnie verkündet, basiert fundamental auf dem Christentum. Daraus ergibt sich, dass wir auch Gotteshäuser anderer Konfessionen unterstützen. Unsere Stiftung Heimat empfiehlt als Sehenswürdigkeiten etwa den Hindu-Tempel in Hamm oder die Moschee in Duisburg. Die Heimat stiftenden Traditionen anderer nicht auszugrenzen, ist ein Bestandteil der christlichen Tradition.“ (Zitat aus einem Interview mit der WELT, 15.10.2017)

Kommentar der WELT hierzu: Ina Scharrenbach (CDU) ist ein klarer Kopf.

Wenn dies ein „klarer Kopf“ gesagt hat – dann gute Nacht, lieber Springer-Verlag! Also doch ein verkapptes Konfessions-Ministerium, evangelikal hinterfüttert?

Aber dazu morgen mehr… das Thema läßt mich nicht los.

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 18. Februar 2018

 

Das fängt ja gut an – 254

Danke für die Heimat! … oder doch lieber für Nix?

Ich habe mir das mit dem „Koalitionsvertrag“ noch einmal sehr genau durch den Kopf gehen lassen. Schon sehr frühzeitig hatte ich meine Präferenz für die Minderheitsregierung geäußert. Meine Argumente sind durch die Verhandlungen und ihr Ergebnis klar bestätigt worden. Wir hätten eine Stärkung unseres repräsentativ-demokratischen Systems sehr nötig gehabt – anstatt dessen wurde von wenigen Elite-Repräsentanten der eigentlichen Repräsentanten etwas aus-geschachert, das – wenn’s so käme – das Mammut-Parlament in den nächsten 3,5 Jahren bis zum nächsten Wahlkampf abzunicken hätte. Habe ich mir dafür die Mühe gemacht an einem herbstlichen Sonntagmorgen zur BTW17 ins Wahllokal zu schlappen?

Wenn man sich das zuvor beschriebene Bild deutlich macht, wird einem auch schlagartig klar, weshalb die Präsenz der Abgeordneten im „hohen Haus“ schon lange so extrem dürftig ist… Das ist kein Gag – diese Schlussfolgerung ist mir bitter ernst. Bedenke man, dass die Steigerung des Bundeshaushaltes (2017 = 327 Mrd. EUR) um 42 Mrd. (=ca. +13% !!!) damit „versprochen = beschlossen“ wäre, mehrheitlich abzunicken von 709 Abgeordneten. Wozu sollte ich als Abgeordneter dann noch in die Aussprache gehen. Der/die Fraktionsvorsitzende wird schon Bescheid sagen wer für die Abstimmung unbedingt gebraucht wird.

Was haben wir bekommen? Ein Paket von Versprechungen, Hoffnungen und Ankündigungen, das die Chef-Verhandler kurzfristig jetzt (Mitgliederentscheid) und in den nächsten 6 Monaten brauchen, um ihre Macht zu sichern (z.B. das Ergebnis der Bayer. Landtagswahl im Herbst 2018). Nicht enthalten ist in dem Konzept, was in den nächsten 3,5 Jahren wirklich passieren könnte – in Deutschland und weltweit.

Was haben wir konkret bekommen? Mehrausgaben im Etat von 42 Mrd. EUR – mit der Gießkanne verteilt, so dass in keinem einzigen Bereich ein „Durchbruch“ erreicht werden kann – sowie ein nagelneues Heimatministerium für die BRD

Danke – dann doch eher für nix.

Morgen dann bringe ich Vorschläge, was das „Heimatministerium“ (wenn es schon da sein würde) mir bringen sollte – außer der CSU die Landtagswahl zu gewinnen….

Einen Wunsch habe ich aber noch: ich möchte noch zu meinen Lebzeiten (also sputet Euch!) eine Legislaturperiode erleben, die ohne Koalitionsvertrag startet und in der das Parlament echt demokratisch aushandelt, was gemacht werden soll – 3,5 Jahre lang! Dann würden wir wieder wissen (oder auch nicht) was die repräsentative Demokratie wirklich leisten kann! Ich persönlich traue ihr viel zu.

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 16. Februar 2018

Das fängt ja gut an – 256

Haben Sie schon einmal geschwebt?

(Ja, ich war auch unsicher – klingt komisch: es heißt „geschwebt haben“ (Duden), da ich den statisch-schwebenden Zustand meine … Wenn man irgendwohin schwebt, heißt das „sind geschwebt“, aber das meine ich hier nicht.)

Damit Sie diesen Text durchstehen: am Ende verrate ich eine Methode, mit der auch Sie in der Lage sind ein GEFÜHL zu erzeugen, als ob Ihr Körper schwebte – ohne Hilfsmittel und ohne Lizenzgebühr!

Wir sind alle ein „Opfer“ der Schwerkraft, die uns auf die Oberfläche des Planeten fesselt. Unser Körper hat ein kompliziertes globales System von Sensoren, die uns unsere Lage und Orientierung im Raum mitteilen sowie ohne Beteiligung bewusster Prozesse auch feststellt und meldet, ob diese Lage „stabil“ ist oder ob der Bewegungsapparat zur Korrektur der Lage tätig werden sollte – was auch weitgehend unbewusst abläuft.

Einen Astronauten würde ich das selbstverständlich nicht fragen. Der macht das permanent „am Arbeitsplatz“. Wir anderen müssen uns damit begnügen, vom 10m-Brett zu springen oder vom Turm in das Bungee-Seil… Oder man springe aus dem Flugzeug – am besten mit einem Fallschirm ausgerüstet … Letzteres habe ich noch nicht gemacht – tippe aber darauf, dass es wieder ein ganz anderes „Gefühl“ ist als das statisch-schwerelose Schweben, da die Aerodynamik-Kräfte der Luft bei hoher Geschwindigkeit im Fallen sich der Schwebeerfahrung wohl stark überlagern dürften.

Auch der Astronaut „fällt“ übrigens eigentlich mit der Raumstation um ihn herum im freien Fall zur Erde – nur durch die hohe Bahngeschwindigkeit beim Umkreisen der Erde wirkt eine gleich große Fliehkraft sowohl auf das Raumschiff als auch ihn, so dass er konstant in der „Schwebe“ bleibt … und er ruht relativ zum Raumschiff in der künstlichen Atmosphäre. Das ist grundsätzlich anders, wenn ich in 10.000 Metern Höhe im Flugzeug sitzend über der Erde zu „schweben“ scheine: denn hier schwebe nicht ICH, sondern ich sitze im Flugzeug. Nur das Flugzeug wird durch den aerodynamischen Strömungsauftrieb (der Ballon durch den Auftrieb der heißen Luft) „in der Schwebe“ gehalten – diese Kraft wirkt nur auf das Flugzeug, nicht auf meinen Körper. Also meldet mein Gesäß die Schwerkraft an mein Kognitions-System.

Wir alle können, da wir spezifisch ein kleines bisschen „leichter“ als Wasser sind, statisch schweben wenn wir ins Wasser steigen, auf dem Rücken liegen oder „schnorcheln“ (hohe Salzkonzentration steigert das Erlebnis…). Es ist aber nicht direkt vergleichbar mit dem Zustand des Astronauten, denn immer noch wirkt die Schwerkraft auf unsere inneren Organe, obwohl der gesamte Körper ruhend schwebt. Die Kraft, die uns im Wasser in der Schwebe hält, ist die Auftriebskraft (entsprechend dem Gewicht des Wassers, das wir verdrängen). Die Schwerkraft-Sensoren der Körperoberfläche sind „ausgetrickst“, da sich die Auftriebskraft auf die ganze Körperoberfläche verteilt. Die Wirkung dieses Schwebens auf unsere Sinne ist trotzdem bereits überwältigend – wenn ich die Wahl habe zwischen einem echten Weltraumflug für € 500.000,00 und einer halben Stunde Treiben auf dem konzentrieren Salz-Sole-See der Therme (für € 1,50 Aufpreis) wähle ich regelmäßig das letztere. Als ich erstmals aus dem Sole-Pool zurück kam, sagte meine Frau: „Du leuchtest ja!“

In den letzten beiden Abschnitten (Weltraum und „Totes Meer“) ging es um „scheinbares Schweben“ unseres menschlichen Körpers, das durch knallhart regierende physikalische Gesetze erklärbar ist. Beide beschriebenen Situationen sind aber durchaus potentiell lebensgefährlich: im Weltraum verständlicherweise durch einen enormen Technik-Aufwand für die Lebenserhaltung eines Menschen in einer absolut lebensfeindlichen Umgebung (das könnte auch mal versagen….), in der konzentrierten Salzlake ist darauf zu achten, dass diese Flüssigkeit keinesfalls in die Lunge gerät… meist bleibt es aber bei korrodierten Schmuckstücken und Uhren.

Nun komme ich zum Bereich des paranormalen Schwebens – der sogenannten  „Levitation“ – und zwar dem Bereich, in dem der Mensch angeblich über eigene „antigravitationale Fähigkeiten“ ohne Nutzung bekannter physikalischer Kräfte verfügt. (Nicht gemeint ist der Bereich der Illusionen und Zauberkunststücke des Unterhaltungs-Genres!)

Da die meisten von Ihnen – wie ich – leider noch nie Zeuge solch eines Ereignisse geworden sind, kann es sich per se nur um eine extrem selten auftretende Fähigkeit handeln. Daher sind wir alle auf Berichte angewiesen, die es über solche Personen und Erscheinungen in der Vergangenheit gibt.

Hier ist es nicht allzu verwunderlich, das die vorhandenen Berichte überwiegend dem Bereich der Religionen entstammen. Lt. Wikipedia besitzt alleine die katholische Kirche hunderte Heilige mit Levitations-Fähigkeiten – allen voran der Hl. Guiseppe di Copertino, den man schon eher anbinden musste, damit er mal nicht entschwebte …

Aber auch die gesamte Christenheit huldigt einem Jesus, der seine Antigravitations-Fähigkeiten durch das Schreiten über das Wasser demonstrierte – nun ja: als Sohn Gottes eher kein Kunststück … (Der Glaube ermöglicht noch ganz andere Sachen!)

Im 19. Jahrhundert erregte ein nicht-religiös einzuordnender Fall sehr großes Aufsehen: Daniel Dunglas Home (1833–1886) schwebte regelmäßig herum und wurde wegen der behaupteten Psychokinese offensichtlich nie eines Betruges überführt. Wohl aber wurde er wegen seiner Geisterstimmen-Séancen wenigstens einmal wegen Betruges verurteilt.

Ich werde keinerlei Argumentation ausführen, wie der Mann (als einer von tausenden Illusionisten weltweit im 19. Jahrhundert!) das gemacht haben könnte. Ich finde das Erstaunlichste daran ist, dass es anscheinend so viele Menschen tatsächlich geglaubt haben. Unterhaltend war es ganz sicher …

Anstatt dessen möchte ich folgenden Gedanken darlegen:

Es ist eine attraktive Option, sich frei durch die Lüfte bewegen zu können. (Sie existiert auch in unserem Unter-Bewusstsein, denn wir haben wohl alle schon einmal geträumt, dass wir fliegen!)

Um diese Option auf Basis tierischer Entwicklungsstufen zu realisieren, hat sich „die Evolution“ der Mühe unterzogen, ultraleichte Tierkörper zu entwickeln und Flügel zu gestalten, um  den Insekten-, Vogel- und auch Säugetier-Körpern aerodynamischen Auftrieb zu verleihen, der sie zum Schweben und Fliegen befähigt. Das ist eine enorme evolutorische Anstrengung im Sinne von Leichtbau und Energie-Effizienz!

Gäbe es die postulierte (sehr attraktive!) physische Fähigkeit der sogenannten Psychokinese, was die Existenz einer Antigravitations-Kraft mit Hilfe des sog. „Willens“ oder Gesetz (Seele?) bedingt, in einem plumpen, schweren Säugetier-Körper (plus Gehirn), so hätte sicher die Evolution über hunderte von Millionen Jahren daraus etwas gemacht … und dann stände es uns allen heute zur Verfügung. Ob das das Leben einfacher machen würde, wage ich zu bezweifeln! Der Satz „Ich schei…. auf dich“ bekäme jedenfalls eine ganz neue, konkrete Bedeutung!

Deswegen möchte ich auch nicht den merkwürdigen Zufall erörtern, dass alle, die berichtsmäßig der psychokinetischen Levitation fähig waren, von Beruf entweder Mönch oder Schausteller waren … Eigentlich schade: einem Luftfahrtingenieur hätte es die Möglichkeit gegeben, ohne Risiko die Leib und Leben Testflüge „schwerer als Luft“ durchzuführen (Pech für Lilienthal).

Nun aber zur Einlösung meines oben gemachten Versprechens: ich berichte, wie ich in wachem Zustand die Empfindung herstelle, als ob mein eigener Körper in der Luft schwebt.

Bitte erwarten Sie nicht, dass das wie das Einschalten einer Glühlampe (oder LED) funktioniert. Es ist mehr wie das Feuer machen ohne Streichhölzer und Feuerzeug – aber weniger anstrengend: ich musste mich über Wochen an das endgültige Ergebnis herantasten – ohne allerdings vorher zu wissen, was mich da erwartete, also dass“schweben“ würde… Es war ein Zufallsfund – entdeckt bei meiner morgendlichen Gymnastik.

Ich würde das in die Kategorie der „absichtslosen Autosuggestion“ einstufen. Ich bin gespannt, was ein Kognitions-Wissenschaftler dazu sagen wird.

Also: ich liege auf dem Rücken und es ist die Ruheposition zwischen (teils anstrengenden) Gymnastik-Übungen: Rückenlage mit Beinen ausgestreckt eng nebeneinander. Ich lege beide flachen Hände (Innenseite nach unten) auf meine Hüften (dabei macht es keinen Unterschied ob eine der Hüften künstlich ist …), so dass die Mittelfinger genau in den Leisten liegen. Dann ziehe ich die Ellenbogen ca. 10 cm nach außen – die Oberarme ruhen jetzt entspannt mit den Ellenbogen auf der Unterlage, die nicht zu hart sein sollte, und die Hände liegen nun nur noch mit dem Eigengewicht auf den Hüften – alle Muskeln sind total entspannt. Sie spüren dieses Eigengewicht – die Sensoren Ihrer Haut melden es, aber sie drücken die Hand keinesfalls mit ihren Muskeln auf die Hüfte. Das ist wichtig und erfordert ein bisschen Übung.

Jetzt spüre ich praktisch sofort, dass die Fingerspitzen und bald auch die ganzen Finger warm und immer wärmer werden: dieser Zustand stellt sich ohne „Üben“ stets praktisch unmittelbar ein und ich empfinde ihn als angenehm und er entspannt mich noch weiter.

Jetzt „absichtslos“ so liegen bleiben – die Gedanken treiben lassen oder an nichts denken (was schwierig ist). Nachdem ich eine Weile „dahin getrieben bin“ stelle ich überrascht fest, dass ich die Kontaktfläche zwischen den Händen und der Hüfte nicht mehr spüre. Ich nehme meine Körperoberfläche jetzt so wahr, als ob die Hände „angewachsen“ wären: statt dem Kontakt Hand-Hüfte spüre ich nur noch die Oberfläche des Handrückens – ich kann das so visualisieren, als seien jetzt meine Arme wie der Henkel einer Tasse… Es ist sehr angenehm, und ich käme jetzt nicht auf die Idee, die Hände von den Hüften wegzunehmen – da gibt es ja keine Trenn-stelle mehr! Das ist zusammengewachsen!

Dieser Zustand ist von mir schon sehr bald, ohne eine Absicht, dorthin zu gelangen, erreicht worden und stellt sich immer etwa binnen etwa einer halben Minute ein. Wegen des Bildes vom „Anwachsen“ der Hände, nenne ich die Übung bis hierher „Kurzschluss“. Die Kontakt-Sensoren von Handinnenseiten und Hüften melden meinem Bewusstsein NICHTS mehr.

Aus dieser Situation lasse ich mich weiter treiben. Ab und zu schlafe ich dann aber auch wieder ein … Normalerweise beende ich die Übung dann nach gefühlt ca. 2 Minuten und mache weiter in meinem Gymnastikprogramm.

Nach einigen Monaten Praxis damit, erlebte ich dann aber schließlich, dass die Kontakt-Sensorik meiner gesamten Körper-Rückseite keinen Kontakt mehr meldete – und nun stellte sich das Gefühl des freien Schwebens für den gesamten Körper ein. Das ist einfach großartig. Das kann ich jederzeit beenden – und kehre  tiefen-entspannt zurück. Keinesfalls aber „denke“ ich dabei: „Na hoffentlich schwebe ich bald!“… dann funktioniert es sicher nicht.

Das geht nicht unbedingt jeden Tag – aber immer öfter.

Probieren Sie es aus – ich gebe allerdings eine Garantie nur für die erste Stufe, den „Kurzschluss“ …

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 15. Februar 2018

 

Das fängt ja gut an – 259

Die kriegen das nicht mehr gebacken – der Untergang der (menschlichen) „Alpha-Tiere“

Der Vergleich tierischen Verhaltens mit dem Verhalten des Menschen ist problematisch: meist handelt es sich um sogenannte „Antropomorhismen“: das Tier wird in unserer Betrachtung vermenschlicht – und das birgt allgemein wenig bis keine Erkenntnis.

Vergleiche menschlichen Verhaltens mit dem Verhalten von Tieren erscheinen auf den ersten Blick legitim – ist doch der Mensch in einer „Teilmenge“ seiner Existenz unbestreitbar AUCH ein Tier!

In den meisten Fällen hantieren wir aber auch dabei einfach nur mit Metaphern ohne nennenswerten oder substanziellen Gehalt.

Seit Jahren ist in den Bereichen Politik und Wirtschaft sehr beliebt die Metapher des „Alpha-Tieres“ – nicht zu verwechseln mit dem Alpha-Männchen aus dem Tierreich, das tatsächlich in Rudel-Gruppe-Herde-Familie den tierischen Anführer bezeichnet – und zwar im Falle, dass es ein männliches Tier ist. Es gibt da ebenso das Alpha-Weibchen. Das Wirken eines solchen Leit-Tieres im Rudel ist ausschließlich mit der genetischen Prägung und dem unmittelbaren Erfahrungs- und Lebenserhaltungs-Prinzip des mit dem Auge oder Ohr erfahrbaren Rudels verbunden. Man weiß jetzt, dass Entscheidungen, die nicht mit der Erfahrung eines einzelnen Tieres abgedeckt werden können (z.B. Richtung beim Wandern) von einer Mehrheit des Rudels beeinflußt werden können – d.h. sogar das Tier-Rudel bildet bei Bedarf teamartige Entscheidungs-Strukturen!

Das Alpha-Tier aber bezeichnet einen Menschen – im allgemeinen Führungspersonen in Wirtschaft oder Politik oder anderen Bereichen mit ausgeprägter Hierarchie. Nach meiner Einschätzung des Wortgebrauchs muss sich der als Alpha-Tier betitelte Mensch durch Führungs-Anspruch und Macht-Willen auszeichnen – tatsächliche Macht oder eine Führungsposition alleine reichen dafür nicht aus. Damit ist vermutlich auch zugleich der Grund benannt, warum es sich dabei zu einem äußerst hohen Anteil um „Menschen männlichen Geschlechts“ handelt.

Das typische Verhalten dieser Menschen besteht darin, dass sie auf einer Hierarchie-Leiter oder der Mess-Skala für Geld+Reichtum(+Ruhm) unentwegt nach oben streben und für diesen Vorgang einen überproportional hohen Energieeinsatz erbringen – im Verhältnis zu den „fachlich-sachlichen Inhalten“ auf die sich ihre Tätigkeit bezieht. Im Extremfall interessieren sie sich eigentlich für die Sachgebiete des beherrschten Unternehmens oder der Partei fast gar nicht (oder spiegeln dieses Sach-Interesse nur vor). Das ist ein selbst-regulierender Prozess: denn wenn das Alpha-Tier sich zu intensiv mit den Fach- und Sachthemen des Unternehmens oder der Partei „belastet“, bleibt ihm nicht genügend Zeit/Kraft um die von unten nachdrängenden Alpha-Tiere abzuwehren …

Genau hier liegt die „Achillesferse“ der menschlichen Alpha-Tiere:

Sie besitzen eine Art „Tunnelblick“ für ihre eigene Ermächtigung- oder Machterhaltungs-Strategie, sind aber nicht kompetent genug für die komplexen fachlichen (und wirtschaftlichen) Sachthemen ihrer Organisation. Sie könnten das ausgleichen, indem sie ein exzellentes TEAM um sich herum installieren würden – aber das funktioniert nicht, weil die Persönlichkeitsstrukturen eines Alpha-Tiers und eines Team-Players nicht kompatibel sind (wenn er aufträte wäre das ein „weißer Hirsch“ – einmal in 100 Jahren…).

Da die Welt um uns herum aber immer komplizierter und vernetzter wird, ist das Schicksal der menschlichen Alpha-Tiere weitgehend besiegelt – man könnte auch sagen: ihre „Halbwertzeit“ wird immer kürzer:

In den 1980er Jahren konnte sich ein solches Alpha-Tier (nehmen wir einfach einmal den CEO von General Electric) jahrzehntelang in seinem Erfolg sonnen und hunderte Millionen einsacken – und  erst jetzt nach über 30 Jahren stellt sich heraus, dass damals getroffene Entscheidungen nun die Firma (also GE) in ihrer Existenz bedrohen.

In riesigen Firmen wie VW oder Siemens wirken sich Fehlsteuerungen der Unternehmens-Kultur und der Geschäftsmoral heute nach wesentlich kürzeren Phasen schon desaströs aus. Und man kann erkennen, das dies sich fortsetzen wird.

Die menschlichen Alpha-Tiere sind der Komplexität der Welt nicht mehr gewachsen – Unternehmen brauchen dringend neue Führung-Strukturen!

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 12. Februar 2018

 

Das fängt ja gut an – 262

Die „Nachtschichten“ der Politiker: was bringt der Verhandlungsmarathon?

„Einen Lastwagen darf man in diesem Zustand nicht mehr fahren – aber die treffen so Entscheidungen für ein ganzes Land!“, sagte meine Frau – und hatte mal wieder völlig Recht …

22 Stunden Verhandlung ohne Schlafpause – nach ca. 7 vorangegangenen harten Verhandlungstagen.

Unter Angela Merkels Führung ist das seit langem üblich gewesen und bisher hat man immer gefolgert, dass ihr diese Situation genützt hat, weil sie wohl besonders gut mit dem Schlafentzug fertig wird … Experten haben bestätigt, dass in dieser Lage die Kompromissbereitschaft grundsätzlich steigt … während die Kreativität sinkt: also die Fähigkeit bisher noch nicht bedachte Lösungsansätze ins Spiel zu bringen, die gegebenenfalls viel klüger wären! Außerdem sinkt natürlich bei hohem Druck auf „Endspurt“ die Bereitschaft, das gerade Besprochene noch mal sacken zu lassen und abschließend in Ruhe zu bewerten.

Von Fürsorge gegen die Beteiligten kann bei diesem Vorgehen wirklich keine Rede sein. Man könnte auch schließen, dass das rüde Vorgehen gegenüber dem politischen Gegner ja auch gewollt sei: aber da sind schließlich auch „eigene Leute“ dabei! Ich halte es für reines Glück, dass bei diesen Manövern bisher noch nie jemand ernsthaft aus den Pantinen gekippt ist – irgendwann kommt das sicher mal!

Gab es nicht die gute alte Regel, über eine ausgehandelte Vereinbarung noch einmal schlafen zu sollen?! Ich kann aus meinen langen Erfahrungen nur sagen: das hat seine Berechtigung! Immer gehabt! Jeder weiß, wie viele Briefe er in seinem Leben am nächsten Morgen NICHT abgeschickt hat.

Jetzt also anstatt dessen die Maxime: „Friß Vogel oder stirb!

Es scheint so, dass auch Angela Merkel älter wird – allerdings will sie ja ganz offensichtlich auch nichts mehr beweisen. Außer dem Ziel, es noch einmal zu packen, ist nichts weiter erkennbar. Da wird sie den Shit-Storm ihrer Partei jetzt auch noch durchstehen.

Wenn das mal gut geht!?

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 9. Februar 2018

Das fängt ja gut an – 263

Rettet die Schulen, Kindergärten und Altenheime – aber nicht die Kirchen!

Seit vielen Jahren kriselt es in den Finanzen der christlichen Kirchen in Deutschland.

Es häufen sich seit einigen Jahren die Meldungen über massive wirtschaftliche Krisen einzelner Kirchenbezirke beider christlicher Kirchen. Die Gründe reichen von gewaltigen finanziellen Fehlspekulationen (Limburg, München oder Eichstätt) bis zu kontinuierlich sich auftürmenden Haushaltsdefiziten. In vielen Fällen werden schon die Zeitpunkte geschätzt, wann die Zahlungsunfähigkeit eintreten wird. Was dann passiert, ist bis dato völlig ungeklärt. Sicher scheint nur zu sein, dass kath. Bistümer und ev. Landeskirchen heute nicht Insolvenz anmelden können. Bei einzelnen Kirchengemeinden scheint eine Insolvenzfähigkeit nicht ausgeschlossen zu sein.

Unter den gegenwärtigen Bedingungen (Mitgliederschwund) steht anscheinend das „Geschäftsmodell“ der Diözesen, evangelischen Landeskirchen und Kirchengemeinden in Frage.  Die Haushalte der Bistümer werden zwischen 30% (Görlitz) und 90% (Paderborn) von der Kirchensteuer abgedeckt. Berlin liegt mit 50% im Mittelfeld … Über evangelische Landeskirchen liegen mir dazu keine Daten vor. Neulich las ich in einem Artikel, dass für die Landeskirche Berlin-Brandenburg-Oberlausitz bei extrapoliertem Verlauf der Schulden-Anhäufung für 2025 die Zahlungsunfähigkeit erwartet wird. Das erklärt hinreichend die Wegelagerer-Praktiken dieser Kirche, um von Menschen, die nicht mehr nachweisen können, dass sie aus der Kirche ausgetreten sind, noch jahrelang Kirchensteuer nachzufordern… Der katholischen Kirche wird es in Berlin nicht viel besser gehen, auch sie betreibt die Wegelagerei.

Die Diözese Hamburg plant Schließung von Schulen und Kitas. Da diese Art von öffentlicher Körperschaft nach deutschem Recht nicht Insolvenz anmelden kann, ist völlig ungewiss, was im Falle der Zahlungsunfähigkeit geschieht. Wo dies bei katholischen Diözesen schon eingetreten ist, mussten notgedrungen andere Diözesen mit Krediten einspringen – oder Diözesen wurden zusammengelegt. Aus Rom gibt es auf jeden Fall kein Geld!

Warum schreibe ich hier darüber?

Wir stehen der Tatsache gegenüber, dass Kirchen immer noch Träger vieler sozialer Einrichtungen sind: Schulen, Kitas, Altenheime. Zwar zahlt bei diesen die öffentliche Hand den größten Teil des Budgets aus Steuermitteln zu (zwischen 68% und 88%) aber wenn der Rest nicht aufgebracht werden kann hängt die Einrichtung in der Luft – und wegen des fehlenden Insolvenzrechtes für diesen Fall, kann die Einrichtung auch nicht rechtsgültig von anderen Trägern (privat oder staatlich) übernommen werden.

Nun brauchen wir aber DRINGEND mehr Schulen und nicht weniger, mehr Kitas, mehr Senioren- und Pflegeheime – und nicht weniger.

Ich befürchte, dass aufgrund des „kulturellen Komplotts“, das bei uns immer noch zwischen Politik und christlichen Kirchen besteht, die Kirchen zu „Systemrelevanten Institutionen im sozialen Bereich“ erklärt werden könnten und dann – nach dem Vorbild der entsprechenden Banken in der letzten Finanzkrise – mit Milliarden von Steuermitteln „gerettet“ werden könnten.

Dies gilt es vorausschauend JETZT zu verhindern – zum Beispiel indem endlich ein Insolvenzrecht für diesen Bereich geschaffen wird!

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 8. Februar 2018

Das fängt ja gut an – 271

Was treibt diese Menschen – was treibt diesen Mann?

Ich kenne den Mann nicht persönlich – aber ich beobachte ihn. Er interessiert mich. Ich interessiere mich für ihn nicht aus persönlichen Gründen, sondern betrachte ihn als einen gerade herausragenden Mitspieler in der „göttlichen Komödie“ (sage ich als Atheist…). Der Mann heißt Martin Schulz.

So kann ich mich als an-Sport-an-sich-Uninteressierter auch sehr für Leistungssportler bzw. deren Mannschaften interessieren: wie gehen die mit Sieg und Niederlage um? Wie funktioniert das „System“, in dem sie sich bewegen? Wieviel Einfluß haben sie darauf, was mit Ihnen geschehen ist oder noch geschieht oder werden sie nur von innen oder außen getrieben? Das sind Themen, aus denen ein begnadeter Autor einen Roman macht – ich schreibe ein kleines Essay darüber.

Ich bleibe hier bei der großen Arena der Politik – also den politischen Eliten und dem großen, kaum durchschaubaren Räderwerk des demokratischen Systems  hinter ihnen. Dieses System wird letztlich an seiner „Basis“ auf unseren Schultern getragen: auf Ihrer und meiner Schulter! In dem, was ich beschreibe, stütze ich mich auf einige Lebensjahrzehnte Beobachtung von Politiker-Laufbahnen.

Die Mitspieler in diesem Räderwerk in der Elite oder in der großen Arena sind „Menschen wie Du und ich“. Wie auch wir in unserem Lebensumfeld, finden Sie dort nach einiger Eingewöhnung ihre „Rolle“. Von da an ist bei fast allen die Rolle und das Rollenverhalten gesetzt. Eine wirkliche Veränderung findet danach praktisch nicht mehr statt: wie denn auch – entweder ist Wahlkampf, Eroberung eines Amtes (von dessen Inhalten man eben noch keine Ahnung hatte), Sonnen in Erfolg und Zustimmung, Krise oder Rechtfertigungsdrama.

In diesem ewigen Kreislauf hat sich noch keine Persönlichkeit „entwickelt“ – eher wird sie korrumpiert. Wenn mal eine „Wandlung“ stattfindet, dann steht eine disruptive (ich liebe dieses Wort!) Erfahrung dahinter wie Krankheit oder andere persönliche Katastrophen. Wandlungen gibt es manchmal auch nach dem Eintritt ins Greisenalter oder in den Zustand völliger Machtlosigkeit (oder beidem) – aber nicht „im laufenden Betrieb“.

Man kann als ganz normaler Mensch ohne spektakuläre Eigenschaften vom Ortsverein an der Basis einer Partei hinauf klettern an die Spitzen des Staates. Allerdings braucht man ein paar Talente – neben dem Machtwillen. Damit meine ich nicht nur jenen Willen zur Ausübung persönlicher Macht (Alpha-Wesen). Auch die Person, der es zu 100% um eine Sache oder Idee geht, brauch Machtwillen, um diese Idee umsetzen zu können!

Wer an die Spitze der politischen Elite strebt, muss einige (nicht alle) Grundfähigkeiten besitzen, die er wie eine Art Werkzeugkasten mit sich herum trägt: ein akzeptables Erscheinungsbild, gute rhetorische Fähigkeiten, eine nachvollziehbare Erzählung von den Zielen, Intelligenz und Standfestigkeit (Belastbarkeit) – und die ganz spezielle Gabe, zum richtigen Zeitpunkt das Richtige zu sagen oder zu tun. Man muss die nicht alle gleichzeitig perfekt verkörpern – aber in einigen dieser Disziplinen sollte man schon beeindrucken können. Beispiel: Angela Merkel: Rhetorik: 3-, eigene Erzählung: 5 … und trotzdem seit drei Legislaturperioden Bundeskanzlerin (Belastbarkeit: 1+++)!

Da gehört eben noch eine andere nicht direkt sichtbare Ebene dazu: zum Beispiel der Rückhalt in der Organisation, die man vertritt und die einen tragen muss (man nennt das auch Hausmacht) – wenn die stark ausgeprägt ist (wie bei Angela Merkel) ersetzt das vollständig die eigene Erzählung, weil das Parteiprogramm ja schon da ist. Es gibt auch unterschiedliche Schwerpunkte dieser Kompetenzen für Spitzenpolitiker für die Bereiche Parlament (Legislative) und Regierung (Exekutive).

Vor allem aber gibt es die eine sehr schwer erklärbare, komplexe „Meta-Ebene“ der Eigenschaften eines Politikers: die Glaubwürdigkeit! Glaubwürdigkeit aufbauen und erhalten wird von einer ganz besonderen Fähigkeit unterstützt: zum richtigen Zeitpunkt das richtige sagen oder tun – blitzschnell Stimmungen erfassen.

Alles das gesagt, komme ich jetzt zu Martin Schulz:

Ich habe bei ihm eine glänzende Karriere als Parlamentarier beobachtet. Die hat er – hinter sich. Er stand an der Spitze des Europäischen Parlamentes und war dort meist überzeugend und hatte einen hervorragenden Ruf und beeindruckendes „Standing“ als Parlamentspräsident. Seine Botschaft passte zu seiner Rede passte zu seiner Erscheinung. Am Ende seiner Parlamentslaufbahn erschien (für mich unerwartet plötzlich ja ungeduldig) etwas neues: ein Anspruch auf exekutive Macht für sich persönlich und sein „Narrativ“.

Sein erstes Ziel: EU-Kommissar oder gar Kommissionspräsident! Das ist er nicht geworden.

Die nächste Rolle: Retter in der Popularitäts-Krise der Bundes-SPD. Wer die SPD lange kennt, weiß, das dies ein Himmelfahrtskommando sein kann! (Das wußte auch Gabriel…) Die Partei hievt ihn mit Schwung auf das Hochseil – ohne Netz… denn er scheitert schon wieder in der Ambition eines Amtes: des Fraktionsvorsitzes!

Im Glauben an die Illusion einer hohen eigenen Popularität, startet er mit Schwung eine Kampagne – ohne eigene Erzählung (wird noch geliefert…). In der Nachlieferung der „Idee“ nach Beginn des BTW-Wahlkampfes hat er sich dann offensichtlich weitgehend auf Berater gestützt, die weitgehend auch von falschen Einschätzungen der Lage ausgingen. Er überzeugt in dieser Rolle nicht.

Spitzenkandidat der BTW17 und Parteivorsitzender: er tritt als Kanzlerkandidat mit völlig unrealistischen Ansprüchen an – und scheitert (zusammen mit seiner Partei!) krachend bei 20.5%. Das gleichzeitig heftige Scheitern von CDU/CSU mildert die Sturzfolgen – aber nicht das Prinzip des Scheiterns.

Hier hat er spontan einmal richtig reagiert – allerdings in Diktion und Timing doch nicht so ganz: mit der Ansage der Oppositions-Rolle. Die Ansage, die SPD könne sich NUR in der Opposition regenerieren ist jedoch eine aberwitzige Begründung und Erzählung! Die holt ihn heute ein – wie so vieles, das er immer wieder naiv als finale Erkenntnis verkündet hat.

Das Scheitern der Jamaika-Verhandlung ist für Angela Merkel hoch-problematisch – aber für Martin Schulz der Gau! Er ist nicht der Mann, der Angela Merkel in die Minderheitsregierung zwingen könnte. Er hat es erst gar nicht versucht.

Er hat dann verrückterweise selbst die Erzählung in die Welt gesetzt oder das zumindest geduldet, dass der Bundespräsident Steinmeier ihm wie einem Schulbuben den Kopf gewaschen hat, so dass er sich postwendend mit seiner ganzen Kraft nun für die „Große Koalition“ einsetzt.

Die „Sondierung für die GroKo“ gelingt relativ flott und gar nicht mal so schlecht: aber die alte Tante SPD zeigt Schulz nun ihre häßlichste Fratze und hilft den Jusos, Martin Schulz nun fast völlig zu demontieren: indem es fast schon als Konsens gilt, dass jemand der 20,5% erreicht hat, 100% seiner eigenen Forderungen durchbringen müsste. Nicht Schulz sondern Andrea Nahes ist es, die das Votum für Koalitionsverhandlungen rettet.

Während der jetzt gerade laufenden Koalitionsverhandlungen gelingt es dem Parteivorsitzenden nicht, die wilde öffentlichen Kakophonie aus der eigenen Partei über unzureichende Kompromisse zu stoppen. Grotesk: die erzielten Verhandlungskompromisse liegen sehr viel näher an der weit verbreiteten Akzeptanz-Schwelle der Bevölkerung als das, was „die Partei“ fordert.

Der einzige kleine Rest von Glaubwürdigkeit, den Martin Schulz jetzt noch retten könnte, läge darin, jetzt nicht als Minister in das „Kabinett Merkel 4“ einzutreten, sondern zusammen mit Andrea Nahles dieses ungeliebte Projekt außerhalb der Regierung zu begleiten.  Aber sein beharrliches Schweigen zu diesem Thema spricht Bände: er wird anscheinend auch diese Latte noch reißen!

Der Weg zur Macht ist schwierig und mit vielen Hindernissen gespickt. Wir erleben das Beispiel eines sympathischen, integren Mannes, der dafür offensichtlich nicht gemacht war und an den vielen gerissenen Hürden seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt hat.

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 30. Januar 2018

Das fängt ja gut an – 275

Gomringer-Fassaden-Gedicht (ASH)

Politische Korrektheit? – Sexismus? – Trigger Warnings?

Darauf hatte ich gewartet: Die Alice-Salomon-Hochschule hat demokratisch entschieden, wie es mit dem Gedicht von Eugen Gomringer an der Fassade weiter geht.

Vorgestern kam die Entscheidung: Das Gedicht wird übermalt – die ohnehin fällige Renovierung wird dazu benutzt, ein neues Gedicht einer ASH-Lyrik-Preisträgerin daran anzubringen (Text noch nicht bekannt) – und danach im 5-Jahres-Turnus wieder.

Und ich habe bewusst zwei Tage abgewartet: wie erwartet, hat sich mittlerweile fast JEDER schon dazu geäußert (inclusive. Berliner Kultur-Senator Lederer, BRD-Kultur-Staatsministerin Grütters, Tochter Nora Gomringer, … und viele-viele mehr: im Grunde ein kleines Shit-Störmchen gegen den Beschluss der Hochschule ).

Ich war tatsächlich überrascht, dass sich in den für mich bisher sichtbaren Kommentaren zu 100% Kritik an der ASH-Entscheidung findet – die Vorwürfe reichen von Zensur über Populismus und übertriebene Politische Korrektheit zu unterstelltem Sexismus-Vorwurf gegen das Gedicht!

Ich finde, das ist starker Tobak!

Wo bleibt hier der Respekt? Respekt vor der demokratischen Entscheidung sehr vieler junger Leute (ca. 3.700 StudentInnen) und dem Personal der Hochschule! Diese Jungen Leute werden überwiegend im Erziehungs- und Bildungs-Bereich unseres Landes berufstätig werden. Sie haben einen langen, mühsamen, legitimen demokratischen Prozess durchlaufen, nachdem sie sich zuvor kritisch mit einem Kunstwerk im Lichte gesellschaftlicher Verhältnisse befasst haben.

Wo bleibt die Toleranz?

Die öffentliche Reaktion ist in meinen Augen völlig unangemessen in Form und  überheblich im Ton: selbst höchste kulturelle Repräsentanten von Bund und Land trompeten sofort ihre (persönliche) Meinung hinaus, ohne auf die Argumente der Betroffenen auch nur im Ansatz einzugehen. Das Niveau der Argumente läßt vermuten, dass hier mindestens der Untergang des Abendlandes eingeläutet wurde! Frau Grütters haut den Studenten das Grundgesetz um die Ohren (Freiheit der Kunst!) – und bekommt sofort die FAZ dafür als Forum. Liebe Frau Grütters: das ist völlig unangebrachtes und unsensibles Herrschaft-Gehabe gegenüber jungen Menschen, die dabei sind ihren Weg in der Gesellschaft zu finden. Selbst wenn Sie sachlich im Recht wären – so entspricht Ihr Verhalten dem Schießen mit staatlichen Kanonen auf Spatzen, die gerade flügge werden. Wenn Sie in der Sache so besorgt sind: warum haben Sie sich nicht erst mal einen Gesprächstermin mit den Vertretern der Hochschule besorgt, um die andere Seite angemessen zu Wort kommen zu lassen – ehe Sie Ihren geradezu . Haben sie etwa nicht die sehr klugen Erläuterungen von Frau Völter zu dem Vorgang gelesen?

Es handelt sich um eine „Innere Angelegenheit“ der Hochschule – auch wenn sich das Gedicht an einer Außenfassade der Hochschule befindet. Genau das ist auch ein Kern-Aspekt der Angelegenheit: mit dieser Fassade „spricht“ die Hochschule zur Außenwelt! (Aber diese Außenwelt hat kein Recht ihrerseits mitzusprechen – hat sie allerdings seit Monaten sehr heftig getan!)

am 25.12.2017 habe ich dazu schließlich diesen Beitrag in meinem Blog verfasst:

Das fängt ja gut an – 306

Am Schluss meiner (kritischen) Auseinandersetzung mit dem Thema schrieb ich:

„Im Falle der Causa „Gomringer-Gedicht“ gilt nach meinem heutigen Recherchen-Stand Entwarnung bezüglich Trigger Warnings: dieser Vorgang gehört in den Bereich normaler und gerechtfertigter Auseinandersetzungen mit gesellschaftlichen Verhältnissen – unabhängig davon, ob man der Meinung der Studentinnen ist – oder nicht.“

Meine eigene Haltung zu dem Gedicht von Eugen Gomringer war und ist:

Ich finde das Gedicht sehr schön; ich finde es (aus meiner Perspektive als Mann, 72 Jahre) nicht offensiv oder verdeckt sexistisch.

Mein erster Impuls Ende August 2017, als die Causa hoch-kochte war spontan ein Anschluß an die herrschende Kritik gegen den AStA der ASH – aber auch schon Unverständnis bezüglich des PEN-Club-Vorwurfes der Zensur (sorry: das ist einfach Quatsch!).

Dann ging ich den Argumenten und Begründungen der Hochschule nach (Erklärung von Prof.Dr. Völter!) – und ließ das ganze fas 2 Monate sacken – da ich mich aber gerade permanent mit dem Thema der „Trigger Warnings“ beschäftige, kam ich immer wieder zum Fall zurück.

Dann habe ich mich mehr in die StudentInnen versetzt und habe dann – die oben schon angedeutet – festgestellt: das ist „ihre“ Schul-Fassade, die mit dem Gedicht nach außen spricht – in die Gesellschaft hinein, in der sie sich später einbringen wollen. Erst dann habe ich den Konflikt erkannt: ja, das Gedicht ist ein lyrisches Zeugnis einer früheren gesellschaftlichen Epoche (1951) bezüglich der Rolle der Frau – und ja: das ist nicht die Rolle der jungen Menschen die da hinaus gehen wollen!

Probieren sie das mal aus ! – vielleicht gelingt es Ihnen dann auch, Verständnis für den Vorgang aufzubringen – ganz abseits von Zensur-Genderismus-PoliticalCorrectness-Debatte und Getöse…

Herbert Börger

P.S.: Die kluge Lösung, dass jetzt im 5-jährlichen Turnus ein Preisträger-Gedicht an die Fassade kommt, vermeidet auch jegliche Diskriminierung von Eugen Gomringer!

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 26. Januar 2018

Das fängt ja gut an – 280

Ein paar (eigentlich) wohlwollende Gedanken zu Martin Schulz

Bei jedem Auftritt von Martin Schulz gerate ich mit mir und meiner Umgebung in einen Diskurs. Ich will ihm nicht übel, aber ich kann ihm auch nicht vorbehaltlos folgen – ich kann viele seiner Thesen durchaus unterstützen, aber ich frage mich dann oft, ob er immer noch mehr auf Berater hört als auf seinen eigenen Instinkt … Es ist meistens so … konstruiert, was er sagt. Ja: wie ein Schulaufsatz.

Leidenschaftlich und ohne Mühe „wesentlich“ wird Martin Schulz fast immer (nur?), wenn er über Europa spricht. Da mir das persönlich auch derzeit sehr am Herzen liegt, hat er damit bei mir sogar ein fettes „Pré„.

Trotzdem werde ich mit Ihn als dem, was er gemäß Amtes beanspruchen muss nicht warm. Genauer gesagt, habe ich auch den Eindruck, dass die eigenen GenossInnen um ihn herum nicht so recht warm mit ihm werden. Da liegt so irgendwas in der Luft, dass man befürchtet, die müssen ihn loben, damit er durchhält bei dem, was er da tut – tun soll – tun will? Andrea Nahles blickt ihn so „mütterlich“ an …

Ist es der infame Hintergrund des 100%-Wahlergebnisses bei der ersten Wahl, dass so einer danach doch nicht nein sagen kann? Was ist das eigentlich für ein Haifischbecken von Partei, die dem, den sie mit den fast peinlichen 100% zu diesem Amt angefixt hat, bei der turnusmäßigen Wahl kurz danach nicht wenigstens über 90% gegeben hat?

Mein Gefühl ist, dass diese Partei-GenossInnen-Umgebung die eigentliche Ursache für Schulz‘ spürbare Unsicherheit ist. Allerdings auch verbunden mit all den selbst von Ihm in den letzten Monaten gelegten Tretminen – in Form von radikalen Statements wie: „wir sind abgewählt!“,  „keinesfalls werden wir mit Angela Merkel noch einmal regieren!“, „ich werde keinesfalls in ein Kabinett unter Merkel eintreten!“. Alles ehrlich gemeint – aber ich vermute, ihm dämmert selbst langsam, dass Ehrlichkeit allein, ohne politische Klugheit, auf diesen Terrain nicht weit führt.

Die groteske Situation ist, dass der „politische Gegner“ ihn sogar selbst schont, und nicht diese Minen mutwillig hoch gehen läßt: weil er ihn braucht und der Verhandler auf jeden Fall jetzt Schulz sein muß!

Eine Moderatorin hat gestern sogar soviel Mitleid mit ihm gehabt, dass sie die entsprechende Nachfrage unterlassen hat, als er die entsprechende Tretminen-Frage einfach nicht beantwortete. Ich vermute, dass Herr Altmeier sie einmal scharf fixiert und dabei ganz unmerklich den Kopf geschüttelt hat…

Wenn die Dinge nun mal – über die Mehrheits-Situation nach dieser Wahl hinaus – so sind, muss man sie aussprechen. Weder Martin Schulz noch unserem Land nützte ein Vize-Kanzler aus Mitleid, der von Andrea Nahes gecoacht würde. Mitleid und Macht gehen nicht zusammen!

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 21. Januar 2018