Das fängt ja gut an – 332

Wie oft am Tag benutzen Sie Wikipedia (deutsch oder englisch)?

Ich selbst kann da keine statistische Zahl für mich sagen – mal gar nicht, mal 30-mal, je nach dem, womit ich mich beschäftige – und so wird es den meisten gehen.

Ich habe gerade 50,00 € gespendet (in Kenntnis aller im Netz kursierenden Vorbehalte) – und werde es wieder tun. Dazu weiter unten.

Wikipedia ist ein nicht-mehr-weg-zu-denkender Teil unseres geistigen und sachbezogen-kreativen Lebens geworden. Wikipedia macht uns effektiv, produktiv, zielgerichtet. Auch für den Diskurs mit anderen Menschen hat Wikipedia eine durchweg positive Wirkung: wir kommen an einen Punkt, in dem wir uns über die Sachlage nicht einig sind – ein Klick – geklärt – der Diskurs kann auf gemeinsamer Grundlage weiter gehen.

Früher stand dagegen ein Gang zur Enzyklopädie im Bücherregal: Band heraussuchen – verflixt, wer hat schon wieder alle Bände durcheinandergewirbelt? ATF-Blis müsste doch ganz links stehen! (Ja – ich hatte die 17. Auflage! 25 Bände, DM 79,00 statt DM 89,00 pro Band, weil ich die Vorsatzblätter des Großen Brockhaus meines Vaters einsenden konnte! Gekauft als Student – waren wir damals reich!) – Artikel suchen… dabei blieb man bei 4 anderen, sehr interessanten Artikeln hängen… dann die Information lesen. Band wieder zurück wuchten – dabei die Bände mal endlich wieder in die richtige Reihenfolge stellen!

Haben Sie mit-gestoppt? Naja, das wissen wir ja alle… aber es ist so schön, auch mal wieder die positiven Seiten des Old-School-Recherchierens zu erwähnen: unbeabsichtigt auf Sachen stoßen, die einen immer schon mal interessiert haben – Finden ohne zu Suchen! Die absolute Königsdisziplin der Old-School-Recherche… Aber, dafür gibt es eigentlich auch modernere digitale Pendents….

Aber das Handeln ohne konkretes Ziel können wir uns neben unseren 2-3 Jobs ja sowieso nicht mehr leisten! Da könnte man ja gleich „spazieren gehen“!

Nun aber ans „Eingemachte“ (wo kommt dieser blöde Spruch eigentlich her? Muss ich mal Wikipedia fragen, obwohl…):

Man kann keinen Artikel über Wikipedia in Foren oder Presse-Portalen lesen, ohne dass binnen 5 Minuten einer sendet: „Wiki ist eine Propaganda-Plattform, die uns manipulieren will.“ – oder ähnlich bzw. noch schlimmer im Duktus.

Wikipedia ist eine Platform für „selbst-organisierte Wissensakkumulation“. Selbstorganisations-Strukturen sind nicht-autoritär geführte Organismen, die auf Basis von einigen wenigen (aber strikten!) Regeln, in der Lage sind Neues zu schaffen. Das einfachste und wirksamste Argument gegen den Manipulations-Vorwurf ist die Tatsache, dass sich JEDER – auch der, der gerade meckert! – in das Gesamtwerk einbringen kann – jederzeit – zu jedem Thema (von Relevanz!). Er muss sich allerdings bewußt sein, dass diese Inhalte überprüft werden – eben auch wieder von der „Community“. Das ist gelebte Demokratie.

Es liegt nahe, dass kommerziell interessierte Wirtschaftsteilnehmer oder Narzisten versuchen, sich in einem solche Medium gut „zu verkaufen“. Wenn das geschieht, tun sie das sicher nicht selber, sondern veranlassen andere dazu. Die Kontrolle funktioniert in diesem Bereich besonders gut, weil selbstverständlich die Konkurrenten oder Widersacher in Wirtschaft und Wissenschaften ständig darauf ein wachsames Auge haben – auch dies ein wichtiger Bestandteil der „Selbstorganisation“.

Investigative Artikel kommen auch immer wieder auf den Aspekt der Fake-News in Wikipedia zu sprechen: dabei berichten sie dann immer wieder von denselben zwei Fällen von Fake oder Manipulation… Erstens die Insel, die es gar nicht gibt, zweitens der hinzugemogelt Vorname von Theodor zu Guttenberg (wie bitte? Geht’s noch?). Diese Informationen haben natürlich mein Vertrauen in die On-Line-Enzyklopädie maßgeblich zerstört (IRONIE!!!). Wissen Sie übrigens, dass mehrere Inseln, die gar nicht existieren, teilweise seit dem 17. Jh. in offiziellen Seekarten eingetragen waren oder sind (auch Google-Maps!)? Über die Forderung, dass solch ein Medium „völlig Fake- oder Irrtums-frei“ sein sollte kann ich nur schmunzeln.

Das Medium der On-Line-Enzyklopädie ist so offensichtlich so erfolgreich, dass Kreationisten in den USA (die sich teilweise auch hinter dem Fake-Begriff „Intelligent-Design“ verstecken) eine eigene Online-Enzyklopädie nur für Kreationisten-„Wissen“ aufbauen („Conservapedia“ – nein, die ist nicht wirklich demokratisch selbst-organisiert…).

Reden wir auch über Geld! Wikipedia ist eines der unerwartet riesigen erfolgreichen Projekte der Digitalen Welt seit der Jahrtausendwende (als wir noch erwarteten, dass alle nicht-Apple-PCs zusammenbrechen könnten, nur weil das marktführende Betriebssystem den Wechsel in ein neues Jahrtausend nicht vorausgesehen hatte…).

Alle anderen „Geschäftsideen“ der „digitalen Revolution“ haben als Ergebnis unvorstellbare Milliardenvermögen der Gründer gehabt. Und wir alle haben in das Millardenvermögen von Bill Gates munter eingezahlt! Die Wiki-Platform ist eine Non-Profit-Organisation, die von Spenden getragen wird (und zukünftig vielleicht von den Erträgen des Rücklagen-Kapitals). Entgegen den immer wieder vorgetragenen Behauptungen, ist die Mittelverwendung TRANSPARENT. Der Wirtschaftsplan ist veröffentlich – das ist gesetzlich so vorgeschrieben!

Viele Nutzer der Plattform – die in den meisten Fällen selbst nicht dafür gespendet haben – regen sich öffentlich über eine „unglaubliche Verschwendung“ der Spenden-Mittel durch die leitende Stiftung auf. Leute, die die Enzyklopädie täglich und selbstverständlich KOSTENLOS nutzen (und vermutlich gerne in aller Zukunft nutzen wollen!) – und damit ständig einen Mehrwert für sich selbst schaffen! – kritisieren, dass Wikipedia „teuer“ sei. Das „Hosting“ mache ja nur gut 3% des Budgets aus….

Man liest: Die Spendenbettelei „nerve“ die Nutzer! Ich kann das wirklich nicht fassen: da wird eine kostenlose Mehrwehrtmaschine genutzt, deren Unabhängigkeit gerade durch die Non-Profit-Struktur und Werbefreiheit gewährleistet werden kann – und die Nutznießer beschweren sich darüber, dass sie diese Unabhängigkeit auch weiter mit gewährleisten sollen!

Wozu muss die Stiftung die hohen Rücklage-Vermögen aufbauen?, wird gefragt, dann sollen sie doch um weniger Geld betteln! Es sollte auch dem mit wirtschaftlichen Zusammenhängen weniger vertrauten einsehbar sein, das auch ein Non-Profit-Unternehmen wie ein Wirtschafts-Unternehmen geführt werden muss, wenn man dessen Zukunft sicher stellen will. Nach den verfügbaren Daten ist das Rücklage-Vermögen in gutem Einklang mit dem Budget gewachsen – und Wiki hat erklärt, man strebe ein Rücklagevermögen an, aus dem schließlich ein Betrieb der Platform auch ohne Spendenabhängigkeit möglich sein wird. Das würde noch mehr Unabhängigkeit bedeuten. Bis dahin werde ich weiter spenden… Besonders grinsen muss ich immer bei dem immer wieder aufkommenden Vorwurf der „Professionalität“ – sogar die Spendensammlung sei professionalisiert! Es wollen also viele auf die zuverlässigen, kostenlosen, frei zitierbaren Inhalte zurückgreifen… auch in Zukunft – aber das soll bitte von einem Chaoten-Haufen betrieben werden?

Ausblenden möchte ich hier die Neid-Debatte, die sich mittlerweile um den Gründer Jimmy Wales rankt: er sei mit Berühmten und Supperreichen gesehen worden…

… ich gönne und wünsche Jimmy Wales (nein, nicht Prince of Wales!) ein sehr gutes Gehalt und ein sehr schönes Leben – nach allem, was er uns geschenkt hat!

… sagt ein völlig unabhängiger Blogger in einem werbefreien (aber nicht Copyright-freien!) non-profit-Blog. (Mit Herrn Wales weder verwandt noch verschwägert!)

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 29. November 2017