Das fängt ja gut an – 279

Deutschland – ein Wintermärchen

Es war einmal eine weise Königin. Die regierte ihr Land schon lange und hatte es gut getroffen: denn in ihrem Lande war schon vor vielen Jahrzehnten eine Seuche aufgebrochen, die die Menschen nicht im Geringsten in ihrer Kraft und Leistung beeinträchtigte sondern ausschließlich auf ihre Gedanken wirkte: die Untertanen der Königin hatten eine große, verstörende Angst vor Veränderungen und damit waren sie auch in Bezug auf die Zukunft eher ängstlich, denn alle Veränderungen liegen ja bekanntlich dort …

Ganz großartig fanden die Untertanen der Königin aber die Vergangenheit – die machte ihnen überhaupt keine Angst. Sie hegten und pflegten die alte Kultur ihrer Vorfahren und in keinem Land der Welt gab es mehr Museen, Konzertsäle und Theater.

Es war üblich, dass die Städte, die nach dem letzten großen Krieg sehr stark beschädigt waren, möglichst historisch oder altertümlich rekonstruiert wurden – manchmal sogar in einem älteren Stil als in dem direkt vor der letzten Zerstörung! Als sie plötzlich feststellten, dass es in ihrer Hauptstadt gar kein Schloß mehr gab (der Königin war sowas nämlich egal!) wurden die Bürger furchtbar aufgeregt, kramten ihre Ersparnisse hervor und ließen sich das Schloss genauso wieder aufbauen, wie es vor 300 Jahren gewesen war.

Damit niemand auf die Idee kann, dass sie den alten Kaiser wieder haben wollten (der hatte nämlich keinen so guten Ruf! Der hatte das mit den Kolonien versemmelt!) nannten sie das neugebaute Schloß nach einem berühmten Aufklärer aus diesem Lande – ohne allerdings nachzudenken, was der wohl heute anstatt dessen gemacht hätte und ob der solch ein Denkmal haben wollte…

Weil die weise Königin den Menschen versprach, dass sie gut auf sie  aufpassen würde, waren die Menschen zufrieden und lobten die Königin.

Obwohl das alles so wunderschön war, ist es leider nicht so geblieben, denn – das lehrt uns die Geschichte – es gibt immer irgendwelche Unzufriedenen, denen auch das Gute nicht gut genug ist und die damit alles kaputt machen!

Da war eine kleine aber plötzlich sehr laute Gruppe, die hatte besonders viel Angst! Die sagte: „Ihr habt uns belogen – es hat sich doch etwas verändert und wir wollen, dass das wieder rückgängig gemacht wird. Wir wollen alles so haben wie früher, da haben wir uns viel wichtiger gefühlt – jetzt kommen lauter fremde Leute in das Land und die werden wichtiger genommen wie wir. Wir finden aber, dass wir die wichtigsten Menschen sind und wollen alles wieder wie früher haben!“ Die Anführer dieser Gruppe waren von der Angst-Seuche ganz besonders stark befallen und hatten es sich zur Aufgabe gemacht, allen anderen auch in ihrer Angst zu bestärken.

Das war ein bißchen mehr als ein Zehntel der Menschen und die waren ziemlich laut und ungehobelt – sie forderten sogar, dass die Königin weg sollte!

Die andere Gruppe bestand aus Leuten, die sagten: „Man muß nicht Angst vor Veränderungen haben sondern davor, dass sich nicht genug verändert! Wenn wir immer so bleiben, wie wir sind, werden wir erstarren, verschimmeln und vermodern!“ Die waren vor allem gebildet und nicht so laut, weshalb man sie schlechter hören konnte. Die Zahl dieser Unzufriedenen war eigentlich viel größer – mehr als drei mal so groß!

Aber diese Gruppe war aufgespalten in mehrere kleinere Grüppchen, die sich gegenseitig nicht ausstehen konnten. Wenn einer sagte: „Das ist rot!“ dann sagte der andere „Nein, das ist grün!“ und der dritte sagte „Das ist gelb!“ und noch einer sagte: „Das ist noch viel röter als rot!“

Die waren der Königin auch böse – aber sie hatten ein ganz großes Problem: sie hatten sehr viel Angst vor den lauten und ungehobelten Menschen, die alles wieder wie ganz früher haben wollten.

Alle Unzufriedenen zusammen waren viel mehr als die Zufriedenen, die die Königin immer noch priesen – aber es nützte ihnen nichts, weil sie sich miteinander stritten und nicht mit der Königin stritten.

Dadurch wird die Königin immer weiter weise, zufrieden und ruhig ihr Land regieren können, obwohl sie bald gar keine zufriedenen Untertanen mehr haben wird – aber die haben ja eben doch am meisten Angst vor Veränderungen – und vor den anderen Farben ihrer Konkurrenten.

Es ist Winter und alles ist vom eisigen Reif der Angst und Unzufriedenheit überzogen und die Deutschen ziehen sich ihre Bettdecke bis an die Nasenspitze, damit es ja nicht ungemütlich wird!

Und so wird die weise Königin bis in alle Zukunft weiter regieren!

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 22. Januar 2018

 

Das fängt ja gut an – 304

Offener Brief an Marc-Uwe Kling

Lieber Herr Kling!

Ich habe bereits einen Brief an Ihr Känguru geschrieben – und zwar nicht hinter Ihrem Rücken sondern als offenen Brief … Schon gelesen? Es würde mich interessieren, was sie dazu meinen! ( https://der-brandenburger-tor.de/?p=5660das-faengt-ja-gut-an-305 )

Ich habe das erste Buch Ihrer Trilogie gelesen – was mir dabei durch den Kopf ging, schreibe ich Ihnen hier. Dies ist keine „Buchbesprechung“ – macht ja bei einem vor so vielen Jahren erschienenen Buch auch wenig Sinn – sondern eben ein Brief an Sie persönlich.

Zunächst hatte ich erhebliche Zweifel, ob dieses Känguru wirklich existiert, wie Sie behauptet haben. Es gibt ja jede Menge Bekloppte, die herumlaufen und angeblich alles Mögliche – neben weißen Mäusen – sehen. Kängurus sind mir da bisher noch nicht vorgekommen.

Eine Zeit lang hatte ich den Verdacht, dass das vielleicht Sarah Wagenknecht ist, die sich einen Känguru-Schwanz anmontiert hat… Dann habe ich den Gedanken aber wieder fallen lassen, weil das Känguru oft sehr originelle Meinungen äußert und nicht vorgestanzte Stereotype daherredet.

Dass das Känguru sprechen soll, stört mich auch nicht wirklich: Millionen von Menschen reden mit Ihren Hunden und Katzen – auch wenn ich die nicht sprechen hören kann – die Hunde- und Katzenhalter werden das schon hören… das wäre ja sonst bekloppt, wenn sie mit denen redeten! Und so ist es wohl auch bei Ihnen: deshalb glaube ich, dass Sie die reine Wahrheit schreiben – und dass das Känguru existiert! (Wie könnte das Känguru auch sonst Fußnoten in Ihren eigenen Text hineinschreiben…?)

Amen!

Tradition haben fiktive sprechende Tiere ja mindestens seit 1923, als Siegmund Salzmann alias Felix Salten sein Werk „Bambi“ veröffentlichte… Ihnen gebührt nun die Innovation geschafft zu haben, ein real existierendes kommunistisches Känguru als Literaturvorlage zu verwenden. Es mag schon vorher Menschen gegeben haben, die mit Kängurus zusammengelebt haben – die haben dann allerdings wohlweislich darüber geschwiegen!

Völlig neu scheint mir zu sein, dass das Tierwesen eine weltanschauliche Meinung besitzt – und diese aufgrund einer offensichtlich immensen Bildung (sorry: dagegen sind Sie ein Waisenknabe!) auch vertreten kann. Zwar kommt ein bißchen zum Ausdruck, dass Sie in gewissem Rahmen Gesinnungsgenossen im Sinne der Systemkritik sind, aber das Känguru lässt seinen Ansichten  (und manchmal auch den Fäusten) hemmungslos freien Lauf, während Sie doch etwas verdruckster wirken.

 

Wirklich faszinierend finde ich, wie das Känguru in der Beziehung zwischen ihnen den Spieß umgedreht hat. Erst hatten Sie natürlich sofort die clevere Idee: aha – ein sprechendes kommunistisches Känguru: das schlachte ich natürlich literarisch aus! Und somit beuten Sie das arme Tier natürlich aus! Aber von „armem Tier“ kann da wirklich keine Rede sein! Das Tier legt sich auf die faule Haut, läßt seiner Systemkritik und den Schnapspralinen (gibt es das eine ohne das andere überhaupt?) freien Lauf, und Sie schuften innerhalb des Systems, müssen Millionen von Büchern verkaufen, um sie beide über Wasser zu halten! Ganz klar, wer hier die Arschkarte gezogen hat!

Eine sehr interessante Variante über das Scheitern in der Systemkritik, das erneut sehr deutlich zeigt, dass Kommunisten außerhalb eines kommunistischen Systems immer brilliant rauskommen, wobei sie die Kapitalisten als fiktiven Gegenentwurf ausbeuten…

Abschließend möchte ich nicht versäumen zu erwähnen, dass mir dieses Buch auch einen wirklichen Nutzen im täglichen Leben gebracht hat: früher habe ich immer „Känguruh“ mit „h“ geschrieben. Jetzt weiß ich, wie man es richtig schreibt!

Danke – Herr Kling!

Aphorismen desTages:

(1) „Von allen Gurus gefallen mir nur die Kängurus.“ (Erhard Horst Bellermann, *1937)

(2) „Der eine hat den Beutel, der andere hat das Geld.“ (Marc-Uwe Kling alias „Das Känguru“)

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 27. Dezember 2017

Das fängt ja gut an – 305

Offener Brief an das Känguru

Liebes Känguru!

Was haben Sie sich da nur angetan – bei einem kreativen Chaoten einzuziehen? Ihr Altruismus kennt anscheinend keine Grenzen. Sie stellen sich einem Systemkritiker als Alter-Ego zur Verfügung (Sie sind ja hoch-gebildet und wissen sicher was das ist…?), der Sie als Dialog-Partner im Plato’schen Sinne benutzt um seine Weltsicht darzulegen. Sie als lupenreines kommunistisches Känguru – oder sollte ich nicht besser Kommunistin sagen, da Sie als Beutelträgerin sicher weiblich sind? – wissen ja genau, was AUSBEUTUNG ist (nein: nicht Ausbeutelung!). Genau: Dieser Kling beutet Sie aus! Er verkauft Millionen von Büchern – und Sie bekommen Kost und Logis, mal ein BVG-Ticket und … Schnapspralinen. Dabei weiß sicher niemand besser als Sie, dass Schnapspralinen Opium für Aldi-Kunden sind!

Ihr Schöpfer sitzt mit seinen Känguru-Büchern jetzt in der Falle und das ist Ihre Chance: ein riesiger Schaden würde ihm drohen, wenn Sie ihrem Ausbeuter Ihre Zustimmung zur Nutzung Ihrer Persönlichkeitsrechte entziehen würden. Gut – gerichtlich wird das sehr schwierig durchzusetzen sein … Zwar hat sich unsere Verfassung verbal seit einiger Zeit den Anschein gegeben, dass es verbesserte Tierrechte gäbe, aber juristisch hat man alles beim Alten gelassen: Sie stehen nicht besser da, als ein alter Überseekoffer – eine Sache eben. Dabei glaube ich gar nicht, dass Kling diese Situation unter diesem Aspekt bewusst eingefädelt hat – er hat ja nicht Jura, sondern Philosophie studiert …

Trotzdem sehe ich doch auch eine kleine Chance, Ihr Urheber-Recht de-facto durchzusetzen. Auch der Affe hat ja den Prozess um das Foto, das er gemacht hat, nur formal-juristisch gesehen verloren: durch den moralischen Druck der Öffentlichkeit hat der Fotograf per Vergleich 25% der Einnahmen aus der Verwertung des Fotos schließich doch abgeben müssen!

Ich schlage Ihnen vor: verlangen Sie nur 50% – dann ist die Chance sehr groß, dass er 25% selbst für fair hält! In Ihrem Beutel ist ja genug Platz für die Kohle!

Wie schon gesagt: spätestens seit Plato (wahrscheinlich viel früher!) ist der Dialog das probate Mittel zur Erkenntnis – oder mindestens zur Vermittelung einer Erkenntnis. In der Nachkriegszeit (50er & 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts) war es durchaus üblich, Lehrbücher in Form eines Dialoges zwischen Lehrer und Schüler zu schreiben. Ich besitze heute noch ein Buch mit dem Titel „Kunststofftechnik in Frage und Antwort“. Dabei waren die Schüler so klug, dass ihre Fragen den Dialog immer in die richtige Richtung lenkten – nämlich zu dem Stoff, der nun als nächster dran war – von dessen Existenz der Schüler aber eigentlich noch gar nichts wissen konnte … In den Dialogen mit Ihrem Schöpfer ist das sehr ähnlich!

Ein ähnliches Problem hat jeder, der anstatt einen realen Dialog mit einer zweiten autonomen Person zu führen, diesen Dialog in seinem eigenen Hirn erschafft und sich so eine (zunächst) freiwillige Schizophrenie auferlegt, um einen überzeugenden Diskurs zu schaffen – zumindest nach seinen eigenen Maßstäben. Der Test eines solchen Textes vor der Öffentlichkeit zeigt dann, ob dieser Schöpfungsakt gelungen ist. Sobald das Publikum das Känguru akzeptiert hat und SIEHT bzw. so tut als ob es das sähe *), fängt es an auch im Kognitions-System des Schöpfers REAL zu existieren, da es in der Lage ist, REALEN Mehrwert (Geld!) zu schaffen.

Das ist – neben der juristischen Variante( s.o.) – der noch viel aussichtsreichere Weg für Sie an der Wertschöpfungskette zu partizipieren: für Ihren Schöpfer existieren sie jetzt kognitionsmäßig real – d.h. er MUSS ihre Ansprüche anerkennen, sonst würde ja sein eigenes System zusammenbrechen…. Denken Sie drüber nach!

Sie sagen, dass Sie an dem schnöden Mammon gar nicht partizipieren WOLLEN? Das viele Geld im Beutel würde Sie nur am guten Leben hindern? Außerdem sei das GELD eben genau ein Teil des Systems, das sie kritisieren? (Äh … wussten Sie eigentlich, dass er Sie gleich zu Anfang als einen krassen Schnorrer hinstellt?)

Scheint durchaus auch logisch: Der Kling besorgt das knallharte Funktionieren im SYSTEM – das Känguru ist der „ausgelagerte systemkritische Teil“ – quasi Systemkritik  out-gesourced – und macht es sich im Leben gemütlich, muss kein Vermögen verwalten, keine Miete zahlen, keine Entscheidungen treffen. Sie können Haltung zeigen, ohne die Gefahr von der Realität überholt zu werden… Wirklich clever – eigentlich bewundenswert … und eigentlich schon … irgendwie … ein Schnorrer!

Ich habe erst den Band 1 der Trilogie gelesen… bin mal gespannt, ob Sie damit durchkommen.

Was für eine Art Kommunistin sind Sie eigentlich? Vermute: Trotzkistin… das ist gerade sehr en Vogue… nach folgendem Muster: die real existierenden Kommunisten haben nur alles vermasselt – Trotzki hatte das anders machen wollen und das hat Stalin verhindert etc. etc.

Ab und zu fand ich Sie allerdings auch schon einmal rührend in Ihrem Verhältnis zu Kling: als Sie ihn fragten wo er gewesen sei, nachdem er von einer Tour zurück gekommen war. Das war nett!

Herbert Börger

*) Das entscheidende Kriterium in unserer Gesellschaft dafür ist: das Publikum gibt reales Geld dafür aus, mehr vom Känguru zu hören/sehen: „Es gibt für mich ein geldwertes Äquivalent – also bin ich!“

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 26. Dezember 2017