Das fängt ja gut an – 350

Digitale „Brutpflege“

Hier bringe ich zwei Erfahrungen meines Lebens zusammen, die ca. 50 Jahre auseinander liegen.

Erste Episode: „Liebe Mutti, lieber Vati…“:

Ich las gerade – nach Jahrzehnten – in einem sehr dicken Stoß sauber abgehefteter Briefe, die ich an meine Eltern 1965-1967 geschrieben habe. Das war während meiner Bundeswehrzeit. Sehr-sehr-viele Briefe! Manchmal alle paar Tage abgeschickt, manchmal mit einem Monat Pause – abhängig von der augenblicklichen Situation. Kurze, nüchterne Nachrichten – häufig aber auch sehr detaillierte Schilderungen meiner körperlichen, gesundheitlichen, ernährungstechnischen, gedanklichen und gefühlsmäßigen Lebensumstände (einschließlich Wetterbericht…).

Meine Eltern händigten mir die sauber archivierten Lebenszeichen danch aus – es waren ja auch eine Art Tagebuch.

Das Einrücken zum Militär stellte für meine Eltern den großen „disruptiven“ Lebens-Schock dar: plötzlich im Nest alleine! Wie abgeschnitten. Meine ältere Schwester war schon früher aus dem Haus gegangen – danach hatten die Eltern aber noch mich… Mit meinem Weggang (schlagartig ohne Übergang) begannen dann aber die Ablösungs-Schmerzen in voller Heftigkeit.

Dieser Prozess ist in (fast) allen Familien gut bekannt – und Kind und Mutter gehen meist sehr klug damit um: die Mutter „darf“ dann für einige Zeit bei Bedarf das Kind kontaktieren. Es ist ja ein heftiges aber eben allmächlich abklingendes Phänomen.

Damals gab es die heutigen Kommunikationsmöglichkeiten noch nicht – also schrieb ich sehr häufig Briefe nach Hause – die übrigens fast immer am Folgetag schon da waren! Dahinter stand deutlich erkennbar das Ziel, meiner Mutter die Situation etwas zu erleichtern.

Woher weiß ich dass die Briefe so schnell waren? Unter meinem Brief-Datum oben rechts war fast immer das durch meinen Vater handschriftlich vermerkte Eingangsdatum zu finden… für mich ein Indiz, dass auch er von der Situation betroffener war, als damals ein Vater zugegeben hätte.

SCHNITT – dieser Tage im Hier:

Die Ablösungsphase ist bei uns zu Hause nun schon länger her – auch beim letzten Nachzögling schon weit über zehn Jahre. Zu dem Zeitpunkt war das Mittel der Kommunikation überwiegend die inzwischen billig gewordene Telefonie.

Der jüngste Sohn hat inzwischen für die ganze Familie eine Nachrichten-Gruppe (und auch bilaterale Kanäle zwischen einzelnen Mitgliedern) auf einem Messenger-Dienst eingerichtet – auf dem seit über einem Jahr ein sehr intensiver Austausch zwischen allen Familienmitgliedern läuft. Stark fluktuierend: mal nur wenige Worte, ein Satz  hingeworfen dann mal Seitenlange Ergüsse und ebensolange Erwiederungen. Wir empfinden das als eine wundervolle Möglichkeit, Nähe auf VIRTUELLEM Wege herzustellen. Man braucht auch bei den Nachrichten nicht hinzusehen, wer der Absender ist: man erkennt es sofort an der Ausdrucksweise.

Es ist tatsächlich so etwas wie ein neue NEST geworden, jedenfalls aus unserer Eltern-Sicht. Das Internet kann also tatsächlich helfen, das uralte Problem der Ablösung besser zu lösen.

Als meine Frau und ich gestern nach einem Streifzug durch den Berlin-Dschungel nach Haus kamen, stellte ich fest: seit mehr als 2 Tagen keine Nachricht auf dem Messenger – von keinem einzigen Nestbewohner nur das kleinste Wort! Seit über 48 Stunden! Einzelne noch länger…?

Es veranlasste mich einen kleinen besorgten Rund-Ruf zu senden: tja – Väter allein im Nest.. äh.. Netz?

Anstatt eines Aphorismus:

Dem ja so gängigen „Internet-Bashing“ (auf as www-Netz einprügeln), dem ich hier auch bereits wiederholt unter dem Stichwort „Digitale Pest“ gefrönt habe, möchte ich gerechterweise jene „Wunder“ gegenüber stellen, die unser „Leben in Zeiten des WWWbereichert haben! Da gibt es eben in dem Bereich Eltern-Kinder eben nicht nur die vielen lustigen und slapstick-artigen Momente (ausgelöst durch die Tapsigkeit der Älteren lauf diesem Terrain) sondern echte emotionale Aspekte – s.o.

Bild des Tages:

AwS2017_Rosenblatt_Voigtlaender65

Herbert Börger

Der Brandenburger Tor, Berlin, 10.November 2017

Das fängt ja gut an – 351

Die digitale Pest:  T R O L L E !

Stellen Sie sich vor: eine lebhafte Gesprächsrunde unter Freunden und Bekannten. Eine überschaubare Zahl von Gesprächsteilnehmern in einer Runde um einen Tisch. Man kann sich beim Gespräch in die Augen sehen. Jeder bringt zu einem Thema, das hier alle interessiert, seine Informationen und Erfahrungen oder Vermutungen ein. Der Gesprächsfaden wird hin und her gesponnen. Manchmal macht einer einen Scherz – ohne die anderen zu verletzen. Am Ende haben alle gewonnen – im ungünstigsten Falle hat uns  das nicht viel weiter gebracht. Die Runde geht irgendwann auseinander und freut sich wahrscheinlich auf den nächsten Austausch. Ist es mal dabei zu einer persönlichen Verletzung gekommen oder hat jemand unangemessen provoziert, dann wird er von den Gutwilligen bald gestellt – entweder kommt es zu einer Entschuldigung oder der Verurrsacher ist beim nächsten Mal nicht mehr dabei …

Im Netz sind solche Szenarien seit längerer Zeit auch möglich geworden, ohne dass man jetzt gerade um den physischen Tisch herum sitzt – und wahrscheinlich waren alle begeistert davon, wie ich auch: ein „Echtzeit-Austausch“ jederzeit, selbst wenn die Teilnehmer auf unterschiedlichen Kontinenten sitzen. Wir hofften – und hoffen immer noch – das dies die Gesellschaft voran bringen könnte.

Aber dann …

Eine alltägliche Situation in Blogs und Foren ist inzwischen diese: es geht um ein sachliches Thema – sagen wir: Eine astrophysikalische Entdeckung über Gravitationswellen und Neutronensterne. Statements, Fragen und Antworten bewegen sich zunächst in normalem Rahem.

Nach sehr kurzer Zeit schaltet sich „aus dem OFF“ anonym eine Stimme ein, die irgendwelche absurde und unbegründete Behauptungen augstellt. Die Gesprächsrunde reagiert darauf – nach kürzester Zeit kommt es zu persönlichen Angriffen und Beleidigungen. Wenn nicht ein erfahrener Admin die Diskussion begleitet, der das Zeichen des Fisches oder „DNFTT“ eingibt, fliegt den Gesprächsteilnehmern der Diskurs nach kurzer Zeit um die Ohren.

Der aus Sonderzeichen konstruierte Fisch ( ><)))*> ) oder DNFTT bedeutet: „Do not feed the Troll“. Der destruktive Störer wird in der Netzkultur „Troll“ genannt. Wenn alle Beteiligten die Bedeutung der Zeichen kennen und sich an die Methode halten, wird der Troll dann ignoriert… und zieht vielleicht ab.

Das geschieht heute andauernd! Selbst wenn eine Gemeinschaft, die Trolle abzuschütteln lernt, ist die Freude an der Gesprächskultur dadurch erheblich gestört!

Beschäftigt man sich näher mit dem Thema, stellt man fest, dass es Organisationen gibt, die viele Trolle gezielt durch die Foren und Netzbereiche schicken, um damit Einfluß zu nehmen (politisch, kommerziell  oder einfach destruktiv wirken – der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt …).

Und die gruseligste Variante: da müssen nicht nur Menschan an den Tastaturen sitzen! Mittlerweile sollen sich Software-Roboter als Trolle durch das Netz bewegen (Fachsprache: „bots„).

Deshalb wird die „große digitale Freiheit des Netzes“ zunehmend wieder eingeschränkt, da Foren sich zum Schutz davor abschotten (nur mit überprüften Log-Ins benutzbar).

Dadurch wird ein wesentlicher Freiheitsgrad des Netzes unterdrückt: die überraschende „Möglichkeit des Unerwarteten„.

Ich wüßte gerne: was passiert, wenn sich zwei „Troll-bots“ unterschiedlicher Auftraggeber in einem Forum treffen? Erkennen die, das der andere ein bot ist? Können die sich gegenseitig asusschalten?

Schöne neue Welt!

Aphorismus des Tages: „Bist du denn dümmer als ein Kleinkind, dass du nicht wenigstens eine neugierige Frage am Tag stellst?“ (Der Brandenburger Tor)

… diese Frage möchte ich allen stellen, die einen Erkenntnisgewinn dadurch vermeiden, dass sie immer dieselben einmal lieb gewonnenen Antworten nachbeten, anstatt sich und andere ständig zu fragen: warum ist das so? kann man das ändern? wollen wir das ändern? Aus Lebenserfahrung weiß ich, dass diejenigen, die immer wieder „nachgebohrt“ haben, schon bei den Lehrern höchst unbeliebt waren: sie stören den Routineablauf, sie lassen die „Möglichkeit des Unerwarteten“ aufblitzen! Das soll bitte unterbunden werden! – Leider!

Bild des Tages: Unterschiedliche Erscheinungsformen ähnlicher Dinge… ein Bild-Gleichnis.

TeichTest100_crop1

Herbert Börger

Der Brandenburger Tor, Berlin, 09. November 2017