Das fängt ja gut an – 164

Neue BER-Posse?

Steuerlich subventionierter Mehr-Lärm!

Ich schreibe „Posse“, will aber gleich voraus schicken, dass ich das ganze überhaupt nicht lustig finde!

Lütke Daldrup (s.Z. Geschäftsführer der FBB) plant:

1. … seit Herbst 2017 konkret den weiteren AUSBAU des BER, da eine starke Steigerung des Bedarfes erwartet wird. Dazu will er völlig reibungslos und preiswert „einfache Industriebauten“ zwischen die in Gold aufzuwiegenden – und immer noch nicht betriebsbereiten – BER-Gebäude setzen. Nun ja – wenn’s sein muß…!

2. … neuerdings, Fluglinien zu Angeboten ab BER dadurch ANZULOCKEN, dass er ihnen massive Subventionen verspricht (anfangs Erlass von 100% der Gebühren). Ist ja völlig problemlos: die immer weiter ansteigenden Verluste des BER werden ja ungefragt vom Steuerzahler abgefedert!

Also was jetzt?

Müssen jetzt Fluggesellschaft mit unsittlichen Anreizen an den BER gelockt werden? – Dann wäre die logische Alternative: lassen wir doch den Ausbau sein – sparen wir Investitionen und weitere Verluste!

KLARTEXT: der BER kauft sich zu Lasten des Steuerzahlers Flugverkehr (mittels Subventionen an seine Kunden), der dann mehr Lärm und Dreck über den Köpfen derselben Steuerzahler macht! Also (s.o.): Subventionierter MEHR-LÄRM.

Nicht Ihr Ernst – Herr Daldrup!?

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 17. Mai 2018

Das fängt ja gut an – 310

Ist das der 6. oder der 7.  NEUE Termin für eine BER-Eröffnung?

Vorab mein Fazit zur Frage, ob dieser Termin bzw. diese Termine so wie jetzt angekündigt eingehalten werden: ein ganz klares NEIN … Es wird dann eine Reihe von Gründen dafür geben, die man heute noch nicht kannte – oder kennen wollte…

Begründung:

(Anmerkung d. Verfassers: BER = Trivialname und „Reizwort“ für das Neubauvorhaben des Flughafens Berlin-Brandenburg (FBB), der wenn er dereinst eröffnet sein würde den Namen „Willi Brandt“ tragen soll … wobei die Flughafengesellschaft, die auch FBB heißt, parallel zu dem Neubau des neuen Flughafens den alten Flughafen Tegel und den bisherigen Flughafen Schönefeld betreibt. Der neue Hauptstadt-Flughafen und der alte Flughafen Schönefeld liegen im Prinzip auf demselben Grundstück… Für alles – also sowohl für den laufenden Betrieb von zwei total überalterten Flughäfen wie auch den Neubau eines Großflughafens – ist ein normaler GmbH-Geschäftsführer leitend zuständig, der öffentlich allerdings oft fälschlich als Vorstandsvorsitzender bezeichnet wird… Die Flughafengesellschaft ist im Besitz DREIER öffentlicher Körperschaften: BRD, Land Berlin, Land Brandenburg, die naturgemäß unterschiedliche Interessen haben. Ja, und die bilden auch noch einen „Aufsichtsrat“, der aus lauter Beamten besteht, die im Dienst der Eigentümer bzw. im Ruhestand sind. In diesem „Aufsichtsrat“ saß schon jeder, der im politischen Umfeld Rang und Namen hatte… und sogar der jetzige Vorsitzende der Geschäftsführung Lütke Daldrup war vor Jahren schon einmal Mitglied in diesem Aufsichtsrat! Ich interpretiere dieses Gremium – das in der veröffentlichten Organisations-Struktur auch nicht existiert, weil in einer GmbH nicht vorgesehen – als so eine Art von Gesellschafterversammlung der GmbH bzw. einen dieser vorgeschalteten „Beirat“. Richtig konnte es mir noch keiner erklären.)

Diesen Klammer-Einschub habe ich für Nicht-Berliner gemacht – und um gleichzeitig allen Lesern die verwirrende Situation in diesem Unternehmen deutlich zu machen. Was Sie hier verwirrt, lieber Leser, ist die REALITÄT!

Über die Zählweise der Eröffnungstermine ist man sich nicht ganz einig… es ist aber auch wurscht!

Das Besondere des nun ganz neuen (am 15.12. bekanntgegebenen) Termines ist, dass es eigentlich drei Termine sind: Ende August 2018 (also in 8 Monaten!) soll der Bau fertig  sein. Ende 2020 soll dann der „neue“ BER eröffnet werden und danach Mitte 2021 der Flughafen Tegel stillgelegt werden.

Bisher hat der neue Vorsitzende der Geschäftsführung seit März 2017 – Lütke Daldrup – sich durch klare und konsequente Handlungen profiliert: er hat sofort das Führungschaos im technischen Bereich des Flughafen-Neubaus beendet (Wiedereinsetzen von technischem Leiter Schwarz), hat nach drei Monaten im Amt den (ererbten) Fertigstellungstermin 2017 zurückgezogen und die Nennung eines neuen Eröffnungs-Termines vor Ende 2017 angekündigt – diesen Termin dann auf den 15.12. präzisiert und schließlich geliefert. Er hat auch eine fundamental neue Information geliefert, nämlich, dass mit dem größten Einzelauftragnehmer verbindliche Verträge abgeschlossen wurden, die dem genannten Terminplan inhaltlich entsprechen. Das enthält die interessante Teilinformation, dass dies bisher nicht der Fall war!

Soweit ganz ordentlich.

Allerdings hatte Herr Daldrup mich schon bei seinen Vorankündigungen der Terminverkündigung mit dem Ausdruck irritiert, dass der Termin, der genannt werde „unternehmerisch verantwortbar“ sein werde – aber mit minimalen Zeitreserven. Wie ein Mantra hat er dies wiederholt.

Bitte bedenken Sie, dass es Termin-Linien gibt, deren Überschreitung gravierende Folgen nach sich zieht, die bisher weder eingepreist noch eingeplant waren:

  • Schallschutzmaßnahmen für Tegel-Anrainer,
  • Erhaltungsinvestitionen in Flughafen Tegel,
  • höherer Finanzbedarf – also zusätzliche Invest- und Betriebskosten,
  • Verfall von vor langer Zeit erteilten Genehmigungen,
  • neue Anforderungen, die das bisherige Bauvorhaben nun nicht mehr erfüllt.

Ohne genehmigten und durchfinanzierten Wirtschaftsplan könnte theoretisch ja auch eine Insolvenz drohen (GmbH-Recht!).

Sofort nach der Verkündigung der neuen Termine (2018/2020 – s.o.) gab es auch sofort einen derben Rückschlag: die für die Genehmigung des Flughafens zuständige Behörde teilte mit, dass die Termine nicht mit Ihnen „abgestimmt“ seien.  Eine Erklärung, die einerseits vorbeugen will, als Behörde nicht irgendwann den Schwarzen Peter zugeschoben zu bekommen, in der andererseits auch mitschwingt, dass man die Termine aus diesem Blickwinkel skeptisch beurteilt …

Diese Information ist insofern alarmierend, als damit ja der Teil der Terminplanung, der auf den ersten Blick sehr großzügig wirken sollte, ins Wanken gerät: die lange Inbetriebnahme-Phase von September 2018 bis Ende 2020. Die Inbetriebnahme selbst kann nur starten, wenn der Bau genehmigt und abgenommen ist!

Ein anderer Kern-Punkt des BER-Neubauprojektes erscheint mir (ich war fast 15 Jahre meines Berufslebens GmbH-Geschäftsführer!) sogar noch dramatischer: Die Geschäftsführung will erst im März 2018 einen neuen Wirtschaftsplan vorlegen – sagt aber bereits, dass die Mittel der GmbH zum Erreichen des jetzt genannten Eröffnungszieles nicht ausreichen und auch noch nicht klar ist, woher diese Mittel kommen sollen.

Wenn die Geschäftsführung in dieser Lage den Neubau fortsetzt, also auch weiter Investitionsmittel zum Fertigbau frei gibt, benötigt sie dazu sofort die ausdrückliche Genehmigung der Gesellschafter. Damit übernehmen die Gesellschafter selbst die unbegrenzte Haftung für diese ab jetzt verbrauchten Mittel! (Denn die Gesellschaft hat ja nur „beschränkte Haftung„- GmbH!) Offensichtlich hat Herr Daldrup als Organ der Geselllschaft ja diese schriftliche Zusicherung der Gesellschafter, dass notfalls mit meinen zukünftigen Steuerzahlungen an Bund und Land Berlin das alles bezahlt wird … sonst stände er ziemlich dumm da!

Erst wenn ein ausgeglichener Wirtschaftsplan vorliegt und von den Gesellschaftern genehmigt ist, kann die GmbH wieder auf normaler gesetzlicher Grundlage durch die Geschäftsführung geführt werden – solange befindet sich das Unternehmen in einer Krise! 

Dies sind aus meiner Sicht doch äußerst Besorgnis erregende Tatsachen, die vom Vorsitzenden der Geschäftsführung mit anscheinend großer Gelassenheit dargestellt und wurden. Mich würde einmal interessieren, wie die Abgeordneten des Berliner Abgeordnetenhauses darauf reagiert haben. Wurden kritische Fragen gestellt?

In den nächsten Tagen werde ich noch einige weitere Fragen zu dem Gesamtkomplex aufwerfen.

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 21. Dezember 2017

Das fängt ja gut an – 320

Berliner Stadt-Spitzen

Ich kenne kaum jemanden, der kein ambivalentes Verhältnis zu einem Stadt-Moloch wie Berlin hat. In Berlin ist alles besonders starkt ausgeprägt: das Positive wie das Negative.

Der Anteil der Menschen, die eine positve Grundeinstellung trotz Mängeln und Anzeichen von Chaos im öffentlichen Raum haben, scheint dennoch sehr hoch zu sein. Das kann vielleicht auch so bleiben, solange die Lebensbedingungen für fast alle, die sich mit der riesigen Stadt arrangieren wollen, erträglich bleiben (z.B. Mieten!).

Wenn es so (noch oder wieder) etwas wie ein typisches „Berliner Miljöh“ in diesem babylonischen Stadtgemisch geben sollte (?), dann müßte es sich in kulturellen Elementen zum Ausdruck bringen, vielleicht sogar zu einem Ausdruck drängen… Das kann aber sicher nicht in dem Angebot etablierter Sprech- oder Musik-Bühnen bestehen, die sich auf „internationalem Niveau“ bewegen – ebenso wenig in der Präsenz von „Sterne-Restaurants“! Hier ist – außer bei der Garderobenfrau – sicher nicht viel Berliner Lebensgefühl aufzuspüren… Ich habe auch große Zweifel, ob man die so viel gepriesene „Klub-Szene“ dazu zählen kann…

Ich bin noch nicht lange genug hier, um das nachhaltig beschreiben zu können. Ich will dem nachspüren und dabei werde ich hier in diese neue Rubrik „Stadt-Spitzen“ kleine Erlebnisse, Momente und Erkenntnisse erzählen, die für mich speziell Berliner Impressionen sind.

Berliner Stadt-Spitzen 1:

Es gibt zwei kreative literarische Phänomene, die nachweislich in den 1990er Jahren für Deutschland ihren Anfang hier in Berlin genommen haben:

  • Poetry Slam (Berlin 1994 Wolf Hogekamp)
  • Lesebühnen (Berlin 1989 ff: Mittwochsfazit/Salbader – Dr. Seltsams Frühschoppen)

Poetry Slam („Demokratisierter Literatur-Wettbewerb“ mit festen Regeln) entstand 1986 in Chicago – sprang schnell nach Europa und Japan über. Heute soll der deutschsprachige Sektor der weltweit größte sein mit derzeit lt. Wikipedia ca. 300 regelmäßigen Veranstaltungsreihen.

Im Gegensatz dazu ist die Veranstaltungsform der Lesebühne in Berlin entstanden und wohl weitgehend auf den deutschsprachigen Raum begrenzt. Hier hat der Gründungsort Berlin immer noch eine überwältigende Dominanz: in der Wikipedia-Liste der deitschen Lesebühnen stehen 40 in Berlin – mit München und Hannover mit je 4 auf dem nächsten Platz…

Auf Lesebühnen gibt es keinen Wettbewerb aber trotzdem individuelle, feste Regeln. Meist gibt es eine feste lokale Autorengruppe mit einem wechselnden Gast. Oft wöchentliche Termine (mit Sommer-/Winter-Pausen), manchmal mit der Regel, dass alle Texte neu/unveröffentlicht sein müssen.

Aus beiden Metiers sind über die Jahrzehnte auch schon überregional publizierende Autoren mit hohem Bekanntheitsgrad hervorgegangen wie zum Beispiel Horst Evers (Lesebühne Frühschoppen) oder Marc-Uwe Kling (Poetry Slam – dt. Meisterschaft 2006/07).

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 11. Dezember 2017

Das fängt ja gut an – 325

Vor gut neun Monaten sind meine Frau und ich nach Berlin gezogen. Ein Zeitraum, von dem man weiß, dass darin etwas wachsen kann… Vom Dorf in die Millionen-Haupt-Stadt!

Vorher haben wir auf einem Dorf (ca. 950 Einwohner) in West-Mittelfranken gewohnt. Sind wir zum „Ruhestand“ vor einer vorgezognen Grabes-Ruhe auf dem Land in die Großstadt geflohen? Nein, so war es nicht.

Es war ein skurril-existenzielles Erlebnis, das uns mit 70/71 Jahren endgültig den Mut zu diesem Schritt verlieh. Davor gab es nur „Ideen“. Vorher sollte ich sagen, dass unsere Mütter (meine und meiner Frau) in Sachsen-Anhalt geboren und aufgewachsen sind. Dadurch sind wir als Kinder durch eine Großeltern-Welt in Mitteldeutschland (wie die korrekte Bezeichnung heißt) geprägt. Politische Systeme dieser Epoche spielen bei der emotionalen Erfassung eines Standortes bei Kindern/jungen Erwachsenen absolut keine Rolle (wenn man sie in Ruhe läßt)!

Wir waren dabei, den ganzen Großraum Berlin nach einem möglichen Standort für uns zu beschnuppern und gingen gerade durch Köpenick. Schritten Arm-in-Arm ober diese typischen Bürgersteige mit den kleinquadratig gepflasterten Mittelwegen, die durch die Wurzeln der Straßenbäume einen leichten, unkalkulierbaren „Wellenschlag“ erhalten. Da sagten wir gleichzeitig: hier gehören wir hin! Sie werden es kaum glauben – wir selbst müssen uns immer wieder gegenseitig versichern, dass es so war.

Gesagt – getan: danach waren wir wild entschlossen und haben im Südosten Berlins unsere Zelte aufgeschlagen – allerdings schon in einem festen Gebäude … Eine Stunde mit ÖPNV zum Pariser Platz (und egal ob ehemaliges West- oder Ost-Berlin – danke RINGBAHN!).

Vorläufiges Fazit nach neun Monaten?

Wieder sollte ich vorausschicken, dass in der Region in Franken, die wir verlassen haben, nicht unsere Wurzeln lagen. Wir haben die normale Biografie einer Ende der 60er gegründeten Kleinfamilie, mit auf das Studium fern der „Heimat“ folgendem Umzug der Familie zunächst im Durchschnitt alle 7 Jahre. Dann bedingt durch Unternehmensgründung ein längerer Aufenthalt in Franken. Die Kinder sind längst aus dem Haus – dann gegen Alter 70 schließlich wird der geplante Ruhestand angepeilt.

Eine „Heimat“ zu definieren ist da fast unmöglich. Die Lebensmittelpunkte der Eltern haben sich längst verflüchtigt – Jugendfreunde/Schul-/Studienfreunde/Berufskontakte: alle weit über das Land verstreut. Erste „Einschläge“ sind schon näher gekommen.

Das Fazit nach 9 Monaten ist überwältigend positiv. Das Hierhergehör-Gefühl hat sich vertieft und verfestigt. So fühlt sich Leben an.

Danke Berlin. Du bist real gelebtes Chaos auf allen Ebenen – oft bis zur Unerträglichkeit – überlagert von einer fast natürlich wirkenden entspannten Selbstverständlichkeit.

Berlin ist – jetzt aus der Nähe betrachtet – ein eigenes Universum mit einer extrem starken Vitalität (im positiven wie im negativen). In obersten politisch-gesellschaftlichen Ebnen wabern die ständigen Diskurse und Geplänkel zweier Regierungen, auf unterster Kiez-Ebene tobt manchmal der Straßenkampf um jedes Haus! Das ist eine pralle Wirklichkeit, die man gar nicht erfinden könnte – ein veritabler Humus für Kultur in ständigem Wandel.

Die „Stadt“ hat seit der Wiedervereinigung anscheinend eine enorm starke Selbstbezogenheit entwickelt. Wenn man hier lebt, rücken nach relativ kurzer Zeit, andere Bereiche Deutschlands weit weg. Man ist nach manchmal überrascht, wenn man sich bewußt macht, dass es auch noch andere Orte außer Berlin gibt – die zusammen 86% von Deutschland ausmachen. Gefühlt istdas umgekehrt…! Das ist nach wenigen Monaten Neu-Berlinertum wirklich ein Beweis für eine starke Sogwirkung, die das Monster-Gebilde „Hauptstadt“ ausübt. Es besitzt ein völlig ungerechtfertigtes, übersteigertes Selbstbewusstsein – ist aber aber trotzden rätselhafterweise sehr sympathisch.

Ich habe dich noch nicht verstanden, Berlin. Gib mir mal 9 Jahre dazu!

Aphorismus des Tages: „Berlin ist mehr als ein Weltteil als eine Stadt.“ (Jean Paul, 1763 – 1825), deutscher Dichter – und kurioserweise war er Gymnasial-Lehrer in der Kreisstadt unseres vor Berlin letzten Lebensmittelpunktes in Mittelfranken (Neustadt an der Aisch).

Bild des Tages: „Sightseeing“ mit ÖPNV – aus dem Bus 100 am Lustgarten.

ÖPNV_Sightseeing_Bus100

Herbert Börger

© Der Brandenburger Tor, Berlin, 6. Dezember 2017

Das fängt ja gut an – 364

Digitale Alltagswunder:

Kürzlich gab ich eine neue Adresse in meinem Mobiltelefon ein, die sich um zwei Ecken direkt in meiner Nachbarschaft befand. Der Adress-Browser zeigt dann zu dieser Adress auch gleich eine kleine, aber stark vergrößerte Karte mit einem Marker bei der neuen Anschrift und einem Marker bei meiner eigenen Adresse. Dort fiel mir ein kleines blaues Zeichen direkt neben unserem Haus auf. Eine blaue Scheibe mit einem weißen Pkw-Piktogramm darin. Bei noch stärkerem Einzoomen erschien dazu die Beschriftung „parkendes Auto“.

Ich war ehrlich sehr überrascht: dieses i-Dings unterhält hinter meinem Rücken Kontakte mit anderen toten Gegenständen und weiß auch noch was die „machen“ – und ich hatte keine Ahnung davon! Es ist offensichtlich bereits autonom. Will ich das?

Scheinbar bereits eine schwache Vorahnung von „QualityLand“.

Die Stadt – die Armut – und ich…?

Die beiden wirklich großen „Seuchen“, von denen alle Großstädte (wie Berlin) befallen werden, sind Kriminalität und offensichtliche Armut. Zwischen beiden gibt es eine Grauzone der Überschneidung.

Die Armut gebiert einige extrem unangenehme Erscheinungen, wie das Betteln auf Straßen, und im ÖPNV. Es kann echte Armut als Hintergrund haben, aber auch von Banden organisiert sein (wie das Betteln in ländlichen Gebieten von Haustür zu Haustür grundsätzlich von Banden organisiert ist). Wer davon nichts ahnt: nochmal die „Drei Groschen Oper“ ansehen…

Ich gebe in Berlin (oder anderswo) grundsätzlich keinem Bettler etwas – aber den Obdachlosen-Zeitungs-Verkäufern, die vor dem Supermarkt stehen oder durch U- oder S-Bahn wandern, gebe ich grundsätzlich etwas – meist ohne die Zeitung mitzunehmen. Ich weiß, dass sie diese Zeitungen beim Zeitungs-Vertrieb vorher kaufen müssen (ich glaube für 40 Cents – der Verkaufspreis beträgt 1,20 Euro). Das ist ein richtiges „Geschäftsmodell“ – und sie brauchen das Geld wirklich. … und ich kann es mir wirklich leisten, einige Male in der Woche diesen Obolus zu spenden.

Vor einer Woche fuhr ich zu meinem Zahnarzt am Nollendorfplatz.

In der S46 saß ich im Fahrradabteil. Nach dem Halt in Neukölln baute sich ein junger Mann in der Mitte des Waggons auf und sagte sein Sprüchlein auf, mit dem er den kleinen Stapel der Obdachlosen-Zeitung „Motz“ anbot.

An diesem Tag lief die Begegnung mit dem Zeitungsverkäufer folgendermaßen ab:

Nachdem er seinen Spruch aufgesagt hatte, blickte der junge Mann nach rechts in den weiter von mir entfernten Waggon-Bereich und wartete kurz ab – niemand rührte sich. Dann wendete er sich dem Fahrradabteil zu, in dem ich saß – keine Reaktion. Ich winkte ihn heran und gab ihm wie üblich meine 2 Euro – ohne eine Zeitung zu beanspruchen.

Plötzlich kamen von allen Seiten Handzeichen und vier weitere Fahrgäste spendeten unmittelbar nach mir, auch zwei aus dem anderen Waggonbereich, aus dem vorher kein Zeichen gekommen war.

Der Schluss aus dieser Beobachtung liegt nahe: ich hatte durch meine Aktion bei denen, die ohnehin noch mit Zweifeln rangen, ob sie nicht doch spenden sollten, eine Lawine losgetreten. Ich war überrascht – und ein bißchen zufrieden.

Die Botschaft: wenn Sie gerne helfen möchten – nur zu: es könnte sein, dass sie noch einen „Multiplikator“ auslösen!

Zur Belohnung tat es anschließend beim Zahnarzt wirklich gar nicht weh!

Allerdings ringe ich seitdem immer noch mit dem Gedanken, ob ich nicht doch in Zukunft die Zeitung mitnehmen sollte… Weiter oben habe ich ja gerade noch gelobt, dass diese Zeitungsverkäufer ein richtiges Geschäftsmodell betreiben. Durch die Spende ohne Abnahme der Zeitung degradiere ich sie ja meinerseits auf das Niveau der Bettler, denen ich eigentlich aus Prinzip nichts geben will!

Sicher wird man mit solchen anekdotenhaften Randepisoden dem ernsten Problem der (echten) Armut nicht gerecht… Ich will daher noch nachsetzen, dass ich glaube, dass das Problem „Armut“ in unser Gesellschaft lösbar IST und auch gelöst werden SOLLTE! Nicht gelingen wird das durch schablonenhaften Streit zwischen Parteien, sondern durch Konsensbildung auf Basis gesicherter, anerkannter Referenzwerte und Daten.

Wenn die immer und überall wiederholten Tatsachen, dass ca. 80% der Kinder, die unter der sog. Armutsgrenze leben, bei alleinerziehenden Eltern leben, dann wäre das ein Ansatzpunkt: worauf warten wir noch? (Sorry, ich vergaß: wir warten auf das Ende des Wahlkampfes in Niedersachsen, auf die „Einigung“ zwischen CDU und CSU und nun noch sehr lange auf die Befindlichkeitsauslotung zwischen den Alphatierchen von vier Parteien! Und dann?)

Dazu das noch:

Wie bei den Kinderrechten, fehlen den Armen natürlich die Lobbyisten, was bekanntlich besonders dramatische Folgen hat, wenn die Merkmale „Kind“ und „Arm“ zusammentreffen. Es sind jene aber nicht die besten Anwälte der Armen, deren Geschäftsmodell (oder Ideologie) auf der Existenz der Armen beruht! Fast trivial (und fast schon ein Aphorismus…).

In diesem Zusammenhang habe ich kürzlich interessiert aufgehorcht, als Herr Gysi in einer Runde erklärte, er würde gerne, wenn alle sozialen Probleme gelöst wären, seine Partei auflösen.

Dies war bei genauerer Betrachtung eine sehr geschickte Bemerkung: weil sie vice versa indirekt den anderen Parteien unterstellt, dass immer zuerst die Existenz der Partei zu sichern sei – und man dann nur herausfinden muss, welche Flagge zu hissen ist, damit die Partei so mächtig wie möglich wird.

(Oder: welchen Wein füllen wir in die alten Schläuche?)

Ein wirklich kluger Mann, der…

Bild des Tages: (Wer mehr Bilder von mir sehen möchte kann dies auf meinem Foto-Blog www.fotosaurier.de tun oder auf flickr bei „Herbert Börger“

RegenLaterne

Aphorismus des Tages: … dies ist mein absoluter Lieblings-Aphorismus:

„Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde.“ (Ludwig Feuerbach, dt. Philosoph 1804-1872).

Diesen Aphorismus las ich zum ersten Mal auf dem großen Gedenkstein, der auf dem Rechenberg in Nürnberg (dort lebte er bis zu seinem Tode) für Feuerbach errichtet ist. Ich konnte es erst kaum glauben. Wir wohnten direkt neben dem Rechenberg in den 1990er Jahren. Das war damals noch das alte Denkmal (ein sehr breiter, einfacher Quader mit sehr große Schrift) von 1930, das nach dem 2.Weltkrieg wieder errichtet worden war. Es wurde 2004 durch ein aufwändiger geformtes Denkmal ersetzt. … und stets gab es darum erhebliche Querelen.

Herbert Börger, Berlin 27.10.2017