What‘s new Covid-19? – die Zweite

Berlin, 28. Dezember 2020

Versuch einer realistischen Einschätzung unserer Lage.

Rückblickend sehe ich für Deutschland drei maßgebliche Aspekte verantwortlich für die heutige Krisenlage, in der wir – trotz Impfbeginns – immer noch keine klare Sicht auf den zu erwartenden Verlauf der kommenden 12 Monate haben:

  • Mangelnde (wenn nicht gar völlig fehlende!) Vorbereitung auf eine derartige Pandemie-Lage – trotz der vorliegenden Erkenntnisse; wissenschaftliche Erkenntnisse sind in Deutschland (und auch anderen Ländern) offensichtlich immer noch ein „nice-to-have“, das man am besten in der Schublade aufbewahrt … es könnte ja „die Bevölkerung beunruhigen“. Es scheint Regierende zu nichts zu verpflichten und Nicht-Handeln ist bei uns keine Delikt-Kategorie …
  • Ignoranz vieler politisch verantwortlicher (und damit in der Folge dramatisches Fehlverhalten der Bevölkerung aufgrund von Falschinformationen entgegen Warnungen einiger Virologen) zwischen Mai und August 2020. Schon im Mai stiegen mir die Haare zu Berge, wenn ich all die Beweihräucherungen hörte, „wie gut Deutschland bisher durch die Pandemie gekommen sei“. Dies war die maßgebliche Begünstigung einer massiven zweiten Welle – noch einmal verschärft durch die Ignoranz vieler Ministerpräsidenten im Oktober, während die Kanzlerin offensichtlich bereits ein klares Bild der Situation hatte! Die Ministerpräsidenten hatten offensichtlich einen ganz wesentlichen Umstand im Unterschied zum Frühjahr nicht begriffen:
  • Im Oktober standen wir im Grunde einer ganz anderen Pandemie-Situation gegenüber als im März, was die epidemologischen Modellierer zu diesem Zeitpunkt bereits wussten und warnten: im März 2020 gab es einzelne Infektions-Cluster, die durch größere, völlig infiziertenfreie Bereiche von einander  getrennt waren. Im Oktober 2020 waren durch das falsche Management der Pandemie im Sommer die Infektionen in die Fläche eingesickert – zwar waren die Infektionszahlen immer noch RELATIV gering, aber die niedrigen Zahlen waren jetzt in der gesamten Fläche da und strebten (zunächst!) nach Ende der Ferien langsam dem Kipp-Punkt zu, an dem der exponentielle Anstieg scheinbar schlagartig einsetzt und schwer zu bremsen ist – vor allem nicht durch halbherzige Maßnahmen. Dazu kommt der Umstand, dass nun das Leben in Innenräumen statt draußen  stattfindet!

Das bedeutet faktisch, dass wir es damals im Frühjahr und jetzt zum Winter hin mit zwei völlig verschiedenen Infektionsgeschehen dieser Pandemie zu tun haben – worauf die Bevölkerung absolut nicht ausreichend hingewiesen wurde.

Meine persönliche Einschätzung zu unserer Lage in der Covid-19 Pandemie war lange Zeit pessimistisch – deswegen habe ich mich solange zurück gehalten, bis wenigstens an einer der Fronten, an denen die Menschheit derzeit kämpft, ein Hoffnungsschimmer erscheint. Der ist jetzt da – auch wenn es ein kleines Licht am Ende eines sehr langen Tunnels ist: die Covid-19-Impfung, die gerade begonnen hat.

Warum muss die Euphorie gedämpft werden?

Aus einer Handvoll Impfstoff-Produktionsstätten (die es bisher gibt) müssen so schnell wie möglich 7 Milliarden Menschen geimpft werden. Ein zweiter Impfstoff ist in der Endphase der EU-Zulassung (Moderna) und hat in den USA bereits Notfall-Zulassung. Astra-Zeneca scheint zu folgen. Weit über 200 Impfstoffe sind daneben in Entwicklung – umfassende Informationen hierzu in diesem Link.

Warum rechtfertigt das Geschehen um die Impfung dennoch das Aufkeimen von Hoffnung?

Nur 10 Monate nach der Erkenntnis, dass SARS-CoV-2 eine Pandemie ausgelöst hat, stehen mehrere wirksame und (anscheinend) nebenwirkungsarme Impfstoffe zur Verfügung. Üblich waren bisher Entwicklungs-Zeiten von bis zu über 10 Jahren.Für einige Viren, die schon seit Jahrzehnten bekämpft werden, wurde nie ein erfolgreicher Impfstoff gefunden. 

Zwei Faktoren haben wesentlich zu diesem glücklichen Umstand beigetragen:

  • Die SARS-Pandemie 2002/03 (durch Corina-Virus SARS-CoV-1) hatte bereits intensive Arbeiten in dieser Richtung ausgelöst. Wegen der anderen Übertragungs- und Befallsmechanismen, konnte die erste SARS-Epidemie schnell unterdrückt werden. Die Wissenschaft war also hochgradig alarmiert und konnte auf den seit über 15 jahren laufenden Forschungen aufbauen – während Politik und Gesundheitverwaltung in den meisten Ländern den Warnschuss weitgehend ungenutzt zu den Akten legte …  Das wichtigste „Erfolgsrezept“ des „neuen“ Erregers SARS-CoV-2 scheint dabei der Umstand zu sein, dass es bereits während der Inkubationszeit (also VOR dem Auftreten der Symptome bei Infizierten) ansteckend ist (mit hoher Viruslast im Rachenbereich).
  • Mikro- und Molekularbiologie, Gentechnik und verwandte Bereiche der Medizin und Pharmakologie hatten in den letzten 20 Jahren gewaltige Fortschritte gemachtweitgehend unbeachtet von großen Teilen der Gesellschaft. Die einzige gesellschaftliche Reaktion auf die neuen Fähigkeiten der Wissenschaft war eine massiv-negative: eine völlig undifferenzierte Mainstream-Blockade gegen „Gentechnik“. Diejenigen, die es hätten besser wissen müssen, versäumten es möglicherweise auf die Bedeutung der neuen Technologie in der Breite hinzuweisen. Auch gegen Krebs hat sich die mRNA-Technologie seit langem in Stellung gebracht – und wie man sieht ist die Bundesrepublick nicht hinten dran! 

Zusätzlich kam darüberhinaus bei der Impfstoff-Entwicklung der letzten 10 Monate weltweit ein Umstand zum Tragen, der nach meinen Beobachtungen wenig öffentliche Beachtung gefunden hat: in einer massiv weltweit laufenden Pandemie kann wegen großer Infektionszahlen wesentlich schneller und sicherer auf Wirksamkeit geprüft werden als außerhalb einer Pandemie. Theoretisch brauchte man – für die Prüfung auf Wirksamkeit – auch wesentlich weniger als die üblichen 30.000 freiwilligen Impf-Probanden, da die statistisch relevanten positiven Fallzahlen einer solchen Studie auch mit geringeren Probandenzahlen erreicht werden können. Ich gehe davon aus, dass die sogenannten „Notfall-Zulassungen“ (die wir bisher in Europa nicht haben) weitgehend auf diesem Umstand beruhen – mit hoffentlich sorgfältigster Abwägung bezüglich der Nebenwirkungen.

Alle diese Zusammenhänge müssen unbedingt besser kommuniziert werden, sonst müssen wir uns nicht wundern, dass bestimmte Kreise gerade den Umstand, dass die Impfstoffe so schnell gefunden wurden als Beleg für den Verdacht einer – wie auch immer organisierten – Verschwörung und der Behauptung genutzt wird: das sei der Beweis dafür, dass es das Virus gar nicht gibt und nur behauptet wird um uns … ja, und das lesen Sie bitte bei den üblichen Verschwörungsportalen nach.

Die Welt steht aber dennoch hier noch ganz am Anfang: Vor 3 Wochen war Impfstart (Biontec/Pfizer) in Großbritannien, vor 2 Wochen in USA – jeweils mit Notfall-Schnellzulassung – vor 1 Woche erfolgte die reguläre EU-Zulassung und gestern war Impfbeginn in Deutschland (einen Tag früher im Landkreis Harz – das war eine Meldung wert …). Es handelt sich überall um die Erstimpfung – meistens muss ca. 6 Wochen danach eine Zweitimpfung erfolgen, um die volle Wirksamkeit zu erzielen.

Nicht ganz zu vergessen: sowohl Russland als auch China impfen bereits seit einiger (?) Zeit mit nationalen Impfstoffen, bei denen bei Impfbeginn noch nicht einmal die Phase3-Prüfung abgeschlossen war. (Russland meldete den 5.12.20)

Die Logistik für diesen (weltweiten) Impfprozess ist extrem aufwändig und teuer! Betrachtet man die Kosten aber in Relation zu den immensen Kosten, die „lock-downs“ in Wirtschaft und öffentlichen Haushalten der Länder verursachen, sind sie gewissermassen marginal.

Tatsächlich ist es innerhalb der EU gelungen, mögliche (befürchtete!) Impf-Nationalismen weitgehend zu unterdrücken. Ich muss bekennen, dass ich das „innerlich gefeiert“ habe – denn ich halte das für ein Signal der VERNUNFT (und Solidarität): in einer Pandemie kann man das Virus nicht innerhalb eines Landes alleine besiegen (Viren kennen keine Grenzen). Herdenimmunität ist in einer globalisierten Wirtschafts-Welt nicht lokal zu haben!

Blicken wir der Wahrheit ins Auge!

Unsere Ausgangslage ist prekär:

Covid-19_Todesfälle

Bild 1: RKI-Daten für Deutschland am 28.12.2020

Das Impfen der betagtesten Alters-Kohorte – gleichzeitig mit Pflege-Personal ist logisch, um die höchste Rate der Todesfälle als erste zu reduzieren – dabei ist zu beachten, dass inzwischen auch unter 80jährige relevante Todesfallzahlen zu beklagen haben (s. Bild 1).

Insbesondere wird diese Impfreihenfolge zunächst kaum die Infektions-Fallzahlen reduzieren. Das muss weiterhin durch Kontaktbeschränkungen erreicht werden. Vermutlich auch noch mindestens bis Juni 2021 …

Die Wirkung des derzeit verhängten Lock-Down in Deutschland muss abgewartet werden. 

Herbert Börger

Berlin, 28.12.2020

 

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