Nordstream 1+2 – Havarie: bin ich mal wieder im falschen Film?

Gestern kam die Meldung über die Havarie der beiden Pipelines NordStream 1+2 im Meer vor Bornholm. Offensichlich verursacht durch Sabotage.

Da fragt sich der Brandenburger Krisen-Abreiter doch: was denn noch alles?

Heute waren Vermutungen zu hören, dass dies sicher durch Russland verursacht worden sei.

Frage: welches Interesse sollte der russische Staat daran haben, die von russischen Unternehmen gebauten und betriebenen (wenn auch still liegenden) Rohrleitungen zu zerstören?

Direkt kann ich dieses Interesse zunächst nicht erkennen. Vielmehr besteht ein seit langem geäußertes und eingefordertes Interesse der Ukraine daran, dass durch den Westen kein Gas mehr aus Russland beschafft werden sollte. Zwar haben wir den Stand, dass derzeit de facto tatsächlich kein Gas mehr aus Russland bezogen wird – aber Russland bietet immer wieder an, dass es über manches zu Reden bereit sei, wenn NordStream 2 in Betrieb genommen würde.

Hypothese 1: Die Ukraine hat, um den zuvor angesprochenen „Gas-Deal“ Russlands mit dem Westen unmöglich zu machen, diesen Sabotage-Akt durchgeführt. (Man denke zum Vergleich einmal an die Explosionen, die vor einigen Wochen auf der Krim statt fanden. Technisch etwa die gleiche „Hausnummer“ …) Möglicherweise sind in diesem Falle die Akteure stolz auf ihren kühnen Husarenstreich, bei dem voraussichtlich keine Menschenleben zu Schaden gekommen sind. Fraglich ist aber, ob die ukrainischen Verantwortlichen auch den Verlust an Vertrauen in die Ukraine einkalkuliert haben, der dadurch entstände. (Es sei denn, die Aktion wäre unter Geheimhaltung mit einer westlichen Macht vorher abgestimmt worden …) Ich kann nicht die völkerrechtliche Lage bei einer solchen Sabotage-Aktion überblicken, bei der ein von Russland angegriffener Staat, der sich mit Russland im Krieg befindet und intern im Kriegsrecht agiert, eine russische Industrieanlage (in internationalen Gewässern) sabotiert.

Hypothese 2: Da Destabilisierung der Beziehungen innerhalb der westlichen Staaten und zwischen diesen und der Ukraine eine Standardmethode Putins ist, wäre die einzige mir noch plausibel erscheinende Möglichkeit: ja, das hat Russland gemacht – aber nur um es der Ukraine (im Sinne der Interessenslage nach Hypothese 1) in die Schuhe zu schieben und so deren Verhältnis zum Westen zu stören. In diesem Falle wird man vermutlich trotzdem bald die Wahrheit erfahren, da Russland bisher im Verschleiern eigener Untaten (Tiergarten-Mord, Navalny-Mordversuch) nicht so besonders erfolgreich war.

Falls man mich fragen sollte, würde ich allen Politikern empfehlen, erst mal die Geheimdienstinformationen abzurufen, ehe man sich medienwirksam exponiert!

Hypothese 3: Dies nur der Vollständigkeit halber – ein Motiv für diese Tat hätten prinzipiell auch „Fridays for Future“-Aktivisten. Allerdings erscheint mir das Radikalisierungs-Niveau der Sabotage dazu nicht passend zu sein. Und der Kollateralschaden des Entweichens gewaltiger (extrem klimaschädlicher) Methan-Mengen auch nicht zum Profil der „Organisation“ passend zu sein.

Herbert Börger

Der Brandenburger Tor

Berlin, 28.09.2022

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